Abenteuer erstes Großprojekt
2026 fängt bei uns aufregend an. Nachdem wir im Januar unsere neue Tour mit Einblicken in die Übergangszeit von der Weimarer Republik ins Dritte Reich in Lübeck ausprobiert und für gut befunden haben, geht es nun weiter mit den Vorbereitungen für Pöppendorf 2027!
Pünktlich zum Jahrestag der Ankunft der Exodus-Passagiere in den Lagern Pöppendorf und Am Stau wollen wir das Lagergelände zu einem lebendigen historischen Ort machen.
Dazu nutzen wir den digitalen Raum: Im Wald wird es verschiedene Pfade geben, auf denen man über durch GPS gesteuerte Audios die vielfältige Geschichte erkunden kann, während man durch Waldhusen spaziert.
Warum ist hier ein Durchgangslager errichtet worden? Wie war der Aufbau? Wo stand was? Wer war hier und was erzählen die Zeitzeugen? Und was hat Pöppendorf mit Israel zu tun?
Diese und weitere Fragen werden die verschiedenen Touren beantworten, die man einfach über die Lübeck App starten kann. Als Ergänzung wird es eine digitale Ausstellung im Internet geben, die die Themen der Touren einordnet, Hintergrundinformationen liefert und eine tiefere Beschäftigung möglich macht. Ganz so wie ein physisches Museum – nur eben digital.
Der Gedanke dahinter ist, mit möglichst wenig Ressourcen, ohne Eingriff in die Natur und vor allem sehr niederschwellig allen Interessierten Zugang zu der Geschichte zu verschaffen.
Eine geführte Tour 24/7 machen zu können, ohne Eintritt zu bezahlen, sooft wie man möchte – das ist für uns ein Experiment, eine Methode zu testen, wie man Erinnerungskultur und historische Bildung einer möglichst großen Zielgruppe näherbringen kann.
Auch besitzt Lübeck keinen festen Ort für seine eigene Geschichte – da können Formate wie dieses wie ein Stadtmuseum fungieren und das auch noch jeweils an den authentischen Orten.
Pöppendorf wird der erste Standort sein, wir sind gespannt, wann weitere folgen. Denn eins ist klar: Unsere Stadt ist voll von nicht erzählten Geschichten. Und sie sichtbar oder hier hörbar zu machen, ist mit Abstand das Schönste, was wir uns in unserer Arbeit vorstellen können 😉
Und wir werden euch hier immer den aktuellen Stand kundtun, bzw. berichten, was gerade erarbeitet wird.
Aktuell läuft die Beantragung von Stiftungsgeldern und weil es immer einen Eigenanteil gibt, den man mit Spenden oder ehrenamtlicher Arbeit finanzieren muss, haben wie ein Gofundme gestartet. Teilt es bitte, damit möglichst viele davon erfahren! https://gofund.me/03560c9cf
Vielen Dank und bis bald!
Lea und Torben
Was geht bei Kant ab? Oder: Warum Quellenanalyse?
„Was geht denn bei ihm ab?“ das war am 17.7. mein Gedanke, als mir das neue Zitat des Monats für unsere Hauptseite unter die Augen kam. „Wer sich aber zum Wurm macht, kann nachher nicht klagen, dass er mit Füßen getreten wird.“
Natürlich endete es da nicht aber dass mir gerade dieser Gedanke durch den Kopf schoss, das ist doch eigentlich in höchstem Maße interessant. Denn wir reden von einem Zitat von Immanuel Kant.
Warum macht diese Urheberschaft meinen spontanen ersten Gedanken so interessant?
Ich habe ein Studium der Philosophie begonnen und abgebrochen. Kant war sicher nicht der Grund dafür, seine Schriften haben mir immer sehr viel Spaß gemacht. Wer könnte an (Ab-)Sätzen keinen Spaß haben wie:
„In seinen Werken über den „Einfluß der Wissenschaften“ und über die „Ungleichheit der Menschen“ zeigt Rousseau sehr korrekt den unausweichlichen Widerspruch zwischen der Zivilisation und der Natur des menschlichen Geschlechts, soweit physischer Art, wo jedes Individuum seine Bestimmung vollständig realisieren muss; aber in seinem „Emile“, in seinem „Gesellschaftsvertrag“, und in anderen Werken, versucht er, ein noch viel komplizierteres Problem zu lösen, nämlich jenes, zu wissen wie die Zivilisation fortschreiten muss, um die Fähigkeiten der Menschheit, soweit moralischer Art, zu entwickeln, entsprechend ihrer Bestimmtheit, dass sich der eine dem anderen nicht mehr gewalttätig widersetzt, begriffen als natürliche Gattung. “
Ich bin mit den Schriften des Königsberger Schachtelsatzkönigs zwar nicht im Ganzen vertraut, die Wichtigen habe ich aber gelesen. Und gerade deshalb ist dieser erste Gedanke so interessant!
Den meisten Menschen schwebt von Kant ein diffuses Bild als Moralist im Kopf herum. Irgendwas mit Ethik, man soll so handeln, dass es Gesetz sein könnte oder so. Das muss ein echt moralischer Mensch gewesen sein, jemand, von dem man nur Gutes und Richtiges erwarten kann. Ich selber weiß über den Unterschied zwischen Pflicht- und Tugendethik Bescheid. Und dennoch, als mir der Satz „Wer sich aber zum Wurm macht, kann nachher nicht klagen, dass er mit Füßen getreten wird.“ entgegen sprang, stutzte ich erst einmal.
Das ganze Zitat auseinander zu nehmen, es zu erklären und zu durchdringen, dabei gleich das Theoriegebäude der Metaphysik der Sitten zu erläutern, das wäre Thema für einen eigenen Philosophieblog oder gleich einen Aufsatz in einem Fachmagazin, so weit will ich hier nicht gehen. Es geht mir nämlich um etwas ganz anderes: was für ein Bild hatte ich zu Kant eigentlich in meinem Kopf und warum?
Das Zitat vermittelt ein kaltes, beinahe sozialdarwinistisches Bild. Einen solchen Satz könnte man heute, vermutlich etwas weniger eloquent formuliert, bei Menschen wie Julian Reichelt oder Leonard Jäger finden. Wir kennen solche Sätze von Menschen und Parteien aus dem rechtsextremen Um- und Vorfeld zur Genüge. In einem ersten gedanklichen Impuls tut sich da eine kognitive Dissonanz zum Erfinder des Kategorischen Imperativs auf.
Aber ich kenne Kants Schriften. Ich weiß von seinem Rassismus, seiner eiskalten und teils herzlosen Pflichtethik. Ich weiß, dass dieser Satz hervorragend in Kants Werk hinein passt. Und dennoch war mein erster Impuls Überraschung.
Das zeigt uns, dass das, was wir tatsächlich über Menschen, Firmen oder Ideen wissen und das, was wir über sie denken, zwei verschiedene Dinge sind. Wie hat sich die Presse überrascht und empört gezeigt, als Gerhard Schröder zum Rosneft-Aufsichtsrat wurde, obwohl schon viele Jahre vorher immer und immer wieder über seine engen Verbindungen zu russischen Staatskonzernen berichtet wurde. Wie überrascht und empört über die Teilnahme von Ulrich Vosgerau am Postdamer Treffen 2023, obwohl sein Schlagwort von der Herrschaft des Unrechts doch bereits von 2015 stammte und bereits da breit diskutiert worden ist? Wie überrascht sind die Menschen heute noch, wenn sie von der Verbindung der Schwarzgeldaffäre 1999 und Kinder Schokolade erfahren, obwohl Nestlés Nähe zur Regierung bereits damals weit bekannt war?
Aber Schröder war ja der Arbeiterkanzler, Vosgerau ein normaler Konservativer und von Nestlé kommt doch dieses ganze leckere Naschen.
Das Wissen darüber, wie etwas ist, muss nicht unbedingt den Eindruck, den man davon hat, bestimmen. Und das ist eine extrem wichtige Erkenntnis.
Ich will gar nicht über die endlosen Implikationen dieses Gedankens schreiben. Dann würde dieser kleine Blogeintrag einer ganzen Monographie wert sein. Bleiben wir bei der Geschichte.
Ist es denn für unser Geschichtsverständnis wichtig, dass Wissen und Empfinden einander nur bedingt beeinflussen?
Es könnte kaum etwas Wichtigeres geben! Die Empfindungsfalle ist eine, in die Historiker gelegentlich, Museen und Gedenkstätten, aber auch Laien dafür umso häufiger tappen. In Museen, die sich um bestimmte Personen kümmern, findet man immer wieder eine sehr milde Darstellung der Personen. In Vereinschroniken lesen wir von Gründungsmitgliedern, deren Taten herunter gespielt werden und die ja angeblich immer „dagegen“ gewesen waren. Und wer sich tiefer mit den Personen beschäftigt hat, die in Wikiartikeln beschrieben werden, kann oft nur frustriert den Kopf schütteln. Selten habe ich die Worte „Abkehr“ und „Sinneswandel“ so oft gesehen, wie auf Wikipedia. Um beim Beispiel zu bleiben: in verschiedenen Sonderausstellungen zum Alleszermalmer Kant wurde dessen Leben, dessen Philosophie, dessen Aufklärungsbegriff ausführlich diskutiert. Quellen wurden hervorragend angegeben, Aussagen belegt und Darstellungen am Text untermauert. Bis man dann zu den Schattenseiten Kants kam. Sein Rassismus wurde in einem Nebensatz beiseite gefegt, seine Betrachtung des weiblichen Geschlechts ohne Quellenangabe relativiert, sein Antisemitismus schlicht ignoriert.
Dabei lässt sich zu all dem viel sagen. Natürlich war Kant ein Kind seiner Zeit, natürlich bedeutet das Wort „Religion“ bei Kant etwas ganz anderes, als in unserem normalen Sprachgebrauch, natürlich sind einige seiner Aussagen über die weibliche Leidenschaftsgebundenheit (wiederum bedeutet Leidenschaft nicht das, was wir allgemein darunter verstehen) eher Aufhänger für Erörterungen über den Unterschied zwischen Leidenschaften und Affekten sowie deren Verbindung zu unseren Gefühlen. All diese Dinge sind fruchtbare Aufhänger für die Darstellung des Königsbergers, sie werden aber oft extrem stiefmütterlich behandelt. Und warum ist das so?
Sexismus, Antisemitismus, Rassismus, das sind Eigenschaften aus einem bestimmten emotionalen Spektrum. Oder sprechen wir vereinfacht lieber nicht von Spektren, sondern von Schubladen. Die genannten drei Eigenschaften gehören in eine bestimmte Schublade mit der Aufschrift „Mistkerle, mit denen ich nichts zu tun haben will“. Und das gilt zum Glück für die allermeisten von uns.
Ein Immanuel Kant gehört aber in die Schublade mit der Aufschrift „große Denker“ und in die Schublade „Herolde der Moral“. Und die lassen sich auch mit „Vorbilder“ bezeichnen und passen mit der Schublade „Mistkerle, mit denen ich nichts zu tun haben will“ so gar nicht zusammen.
Das Schubladendenken ist es, was uns, die wir historisch tätig sind, immer und immer wieder in die Irre rennen lässt. Fragt einen beliebigen Teenager nach irgendetwas Negativem, was sein Idol getan hat. Ich weiß, dass ich mit 16 nichts auf Lemmy Kilmister hätte kommen lassen, egal wie sehr er sich selber öffentlich und in Vorbildfunktion mit Alkohol und Drogen ruinierte. Hätte ich von seiner Sammelleidenschaft gewusst, hätte ich vermutlich auch das noch in irgendeiner Form relativiert. Denn Lemmy Kilmister lag in der Schublade „cooler Typ“ und auch in der Schublade „hat echt was zu sagen“. Liedtexte wie
If the skies turn into stone
It will matter not at all
For there is no heaven in the sky
Hell does not wait for our downfall
Let the voice of reason shine
Let the pious vanish for all times
God’s face is hidden, all unseen
You can’t ask Him what it all means
kamen gerade in die Zeit, in der ich schon eine grobe Ahnung von Kreuzzügen, Nanking und Srebrenica, Umweltzerstörung, Korruption und Missbrauchsskandalen hatte und begann, mir über Politik und die Welt Gedanken zu machen. Wer die Hoffnungslosigkeit, die wir in meinem Freundeskreis damals alle in Zynismus ertränkten, in solche Worte fassen konnte, der konnte doch nicht in die Schublade „schlechtes Vorbild“ gehören. Oder gar in die Schublade „steht auf Nazikram“. Also wurden seine Eskapaden in unserem Kreis umgedeutet. Alkohol und Drogen braucht er ja, um die Tourneen durchzustehen. Der Arme, ist ja alles so anstrengend. Und Nazimemorabilia sammelt der bestimmt nur, um Nazis zu ärgern, denn was würde einen Nazi schon mehr ärgern, als wenn Lemmy Eva Brauns Aschenbecher hat und nicht er selber. Aus der Schublade „schlechtes Vorbild“ wurde immerhin nicht die Schublade „Drogen sind cool“, aber dennoch eine, die den Konsum akzeptabel machte. (Dass Kilmisters Einstellung zu diesen Dingen wiederum eine ganz andere war, lasse ich hier einmal außen vor.)
„Typisches Teenagerdenken“ mag man jetzt einwenden. Und man hätte in einem gewissen Maß auch recht damit. Aber eben nicht nur.
Das Schubladendenken findet man überall, wo man auch hinsieht. Und es kann gesteuert werden. Wenn sich Politiker bei jeder sich bietenden Gelegenheit als Vorkämpfer für eine bestimmte Gruppe darstellen und die Medien das auch bereitwillig so wiedergeben, dann gehen diese Politiker in unseren Köpfen in die entsprechende Schublade hinein und wenn diese Politiker sich dann selbst die Diäten erhöhen und das Bürgergeld kürzen, dann sind die Menschen überrascht oder sie fangen an zu relativieren. Wenn ein Lemmy auf der Bühne säuft und davon singt, mit Damen käuflicher Zuneigung intim zu werden, dann geht er in die Schublade „grober Rüpel“ hinein und Menschen sind überrascht, wenn sie erfahren, wie gerne er zur Violine singt und Bach hört oder sie fangen an, zu relativieren. Und wenn ein Mann in der Schule als der Ursprung neuzeitlicher Moral gelehrt wird, dann gehört er auch in diese Schublade und man ist überrascht, wenn er so ein ausformuliertes „Du hast’s verdient!“ schreibt. (An dieser Stelle bitte ich Herrn Müller, falls er das hier liest, um Verzeihung. Im Nachhinein erinnere ich mich, dass er das durchaus deutlich differenzierter gelehrt hat.)
Das sind die Denkmuster, die unser menschliches Leben bestimmen. Die Schablonentheorie der Wahrnehmungspsychologie sowie die Theorie des Wahrnehmungsprozesses (Empfinden, Organisieren, Einordnen) erklären, warum wir als Menschen den Löwen im Busch erkennen, den das Zebra übersieht. Und eben, warum es so unheimlich leicht ist, uns einen Löwen im Busch vorzugaukeln, der gar nicht da ist. Terry Pratchett hat es in „Schweinsgalopp“ sehr treffend ausgedrückt: „Die Wahrheit mag da draußen sein, aber die Lügen sind in deinem Kopf“.
Aus diesen Schubladen, diesen Lügen im Kopf auszubrechen, ist nicht immer leicht. Bei „mein Opa war kein Mörder“ mag es unendlich viel schwerer sein als bei „Menschen, die viel fluchen, hören keine klassische Musik“. Es ist aber in jedem Fall eine bewusste Willensanstrengung, denn die Schubladen sind da und unser Kopf öffnet und schließt sie ganz nach Belieben. Vier Holzstangen mit einer Platte oben drauf? Tisch. Vier Ketten von der Decke an denen eine Holzplatte hängt? Hmmm schwierig. Ach es steht eine Vase mit Blumen darauf? Tisch! Und wenn wir die Platte an den Ketten als Bett ansehen wollen, müssen wir uns erst einmal selber davon überzeugen.
Wie kann dieses Überzeugen aussehen?
Im leichtesten Fall reicht es schon, die Fakten zu kennen und sie sich in Erinnerung zu rufen. Im Fall des Königsbergers war meine erste Überraschung nur von sehr kurzer Dauer. Ich weiß ein wenig über ihn und es bedarf nur eines kurzen Nachdenkens, schon ist mir klar, wie gut dieser Satz sich in seine Moralphilosophie einfügt. Innehalten, nachdenken, dann ist es gar nicht so schwer, aus den Schubladen auszubrechen.
Schon schwieriger wird es, wenn wir uns die Fakten erst einmal zusammen suchen müssen. Denn eine menschliche Grundeigenschaft ist die Hybris. „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ klingt so einfach, ist aber eine nicht nur sehr relevante, sondern auch sehr schwierige Erkenntnis. Sich einzugestehen, dass das eigene Wissen Lücken haben könnte, ist der erste Schritt und zugleich der schwierigste. Von da aus kann man anfangen, kann die Lücken überhaupt erst finden und sie dann Stück für Stück füllen. Aber erst einmal müssen wir uns eingestehen, dass es diese Lücken gibt.
Wir können recherchieren. Warum steht da eine Vase auf diesem aufgehängten Brett? Wozu wird es normalerweise genutzt? Wer hat es wann wo aufgehängt? Und warum? Hat die Person sich dazu irgendwann geäußert? Könnten diese Äußerungen gelogen sein? Wer ist die Person, ist sie vielleicht eine Künstlerin, die auf genau diese Fragen aufmerksam machen wollte?
Und ganz unbemerkt sind wir schon aus unseren Schubladen ausgebrochen. Schon das Fragen an sich holt das hängende Brett mit der Blumenvase ein Stück weit aus der Schublade „Tisch“ heraus. Die Antworten tun ihr Übriges. Und wenn wir das nächste Mal eine hängende Platte mit einer Vase drauf sehen, dann… tja, dann gibt es da diese neue Schublade mit der Aufschrift „platzsparendes Bett zum Hochziehen“. Und aus der müssen wir erst einmal wieder ausbrechen.
Bis jetzt habe ich etwas mehr als 1900 Wörter geschrieben. Da stellt sich doch die Frage: Worauf will ich eigentlich hinaus?
Wie immer auf die Arbeit, die wir hier machen. Alles, was ich in diesem Eintrag geschrieben habe, läuft auf eine Tatsache hinaus:
Man darf niemals etwas direkt glauben, man muss jedes einzelne Mal sein Vorwissen und seine Quellen aktivieren und sie auf den Gegenstand oder das Schriftstück, mit dem man gerade arbeitet anwenden. Das ist der Kern der historischen Arbeit.
Man nennt dieses Verfahren die „Quellenanalyse“.
Auch in der Quellenanalyse kann man in die Empfindungsfalle tappen und in Schubladen versinken, aber korrekt durchgeführt wird dieses Risiko deutlich minimiert indem dem Anwender das Vorhandensein der Lücken deutlich vor Augen geführt wird.
Wie geht also eine Quellenanalyse?
Sie beruht auf 3 Schritten: Beschreiben, Einordnen und Beurteilen. Diese Schritte darf man nicht durcheinander kriegen, das Beurteilen ergibt sich aus den vorherigen beiden Punkten. Man muss schön der Reihe nach arbeiten.
Bei der Beschreibung geht es erst einmal (fast) nur um äußere Merkmale. Die Quellengattung, der Entstehungszeitpunkt, die Urheber, Adressaten, Themen, Inhalt, Argumentationsverläufe, dargestellte Personen und so weiter. Und ganz zum Schluss eine Vermutung über die Absicht.
Ein Beispiel:

Bei der Quelle „Lemmy und Kant“ handelt es sich um ein KI-erstelltes Bild. Es entstand am 23.7.2025 und stellt ein fiktives Ereignis dar. Eine Person, die Immanuel Kant kaum ähnlich sieht sowie eine Person, die aus rechtlichen Gründen und wegen der Beschränkung von KI Lemmy Kilmister eigentlich gar nicht ähnlich sieht, reichen sich die Hand und blicken einander dabei in die Augen. Das Bild wurde von Torben Freytag mit dem Bing Image Creator erstellt und richtet sich an die Leser und Leserinnen des Blogs von Ars Discendi. Mit dem Bild wollte Torben ein Beispiel für eine Quellenanalyse anhand einer Bildquelle stark verkürzt darstellen.
Das Ganze ist natürlich stark verkürzt, aber so in etwa kann man sich eine solche Beschreibung einer Bildquelle vorstellen.
In der Einordnung werden die historischen Hintergründe erklärt, die wichtig sind, um das Motiv, die eingenommene Perspektive und die Botschaft der Quelle zu erklären.
In ihr würde ich jetzt diesen Blogeintrag kurz erläutern, das Vorwissen der Lesenden einschätzen, eventuell einen kurzen Exkurs zu den Beschränkungen von KI-“Kunst“ und ihrer Bedeutung heutzutage machen, die aktuelle Situation der historisch-methodischen Bildung in der Bevölkerung einschätzen, natürlich nur, wenn ich dazu zuverlässige Quellen finde, und allgemein die Zusammenhänge der Quelle erläutern.
Zuletzt findet die Beurteilung der Quelle statt. Dafür ist es wichtig, eine konkrete Frage an die Quelle zu richten. Beispielsweise: „Kann „Lemmy und Kant“ das, was Torben mit dem Bild erreichen wollte, überhaupt erreichen und wenn ja tut es das?“ oder „Ist „Lemmy und Kant“ ein Musterbeispiel für eine problematische Verwendung von KI in historischen Texten?“.
Wer an dieser Stelle noch nicht ausgestiegen ist, wird sicher bemerken, dass eine gründliche Quellenanalyse genau den Zweck hat, das Schubladendenken in der Beschäftigung mit historischen Quellen so weit wie nur möglich einzuschränken. Ganz ausschalten lässt es sich niemals, dafür ist es zu fest in unserem Denken verankert, zumal auch in eine Quellenanalyse eigene Gedanken einfließen, doch kann man ihren seinen Einfluss zumindest so weit verringert, wie es uns Menschen eben möglich ist.
Nach langem Einstieg fällt die eigentliche Erkenntnis doch recht kurz und beinahe banal aus: wenn man nicht ordentlich arbeitet, kommt man zu falschen Ergebnissen.
Es wäre schön, wenn das so einfach wäre, wie es klingt, wenn alle sich daran halten würden. Denn auch, wenn es nicht so gründlich ausformuliert sein mag, die Arbeit mit Quellen ist nicht nur für Historiker und Historikerinnen wichtig. Selbst so scheinbar von der Quellenkunde unberührte Wissenschaften wie die Biologie müssen darauf achten, ob ein Artikel beispielsweise in einem Raubmagazin erschienen ist und gegebenenfalls die Ergebnisse einer Studie mit ihrer Methodik überhaupt bewiesen werden können. Aber auch außerhalb der Wissenschaft, im Journalismus oder der Politik beispielsweise, oder sogar in unserem Alltag ist der kritische Blick auf die Dinge endlos wichtig. Schön, dass dieser Flyer behauptet, eine günstigere Solaranlage für mein Dach gäbe es nicht. Aber es ist ja ein Flyer einer Firma mit schlechtem Ruf von diesem Jahr, in dem die Firma am Rande der Pleite ist, der mir vermitteln will, dass deren Solaranlagen die billigsten seien. In meiner Beurteilung sehe ich, dass die Firma schon öfter rechnerische Tricks eingesetzt hat, um Verbraucher zu täuschen wie z.B. den Wandler extra zu verkaufen. Ich stelle mir also die Frage an die Quelle, ob das nicht alles Unsinn ist.
In diesem Sinne, bleibt kritisch, hinterfragt alles und wenn etwas nicht mit euren Schubladen zusammen passt, überprüft auch einmal die Schubladen. Da kann man spannende Dinge finden.
Erinnerungskultur auf dem Weihnachtsmarkt
Muzen, Tannen, der Geruch von gebrannten Mandeln, Lichter, kleine Holzhäuser mit Figuren darin. Der Zwergenwald von Bad Schwartau ist zur Adventszeit ein hervorragender Ort um in weihnachtliche Stimmung zu geraten. In den letzten Jahren sind immer mehr Zwerge dazugekommen, fast jedes Handwerk ist vertreten: es gibt die Korbmacher, Töpfer, Marmeladenkocher, ein Sägewerk (nicht das aus Segeberg 😉 mit Grüßen an Frank), eine Bäckerei, die Apotheke und natürlich auch ein Bergwerk – das der Zwerge ureigenste Profession repräsentiert. Auch Spaß haben die kleinen Gesellen reichlich: ob im Gasthaus bei Speis und Tanz oder bei der königlichen Hochzeit – wobei sich eine aus dem Reigen über irgendetwas zu beschweren scheint.
Doch beim Betrachten der Zwerge ist uns schon vor Jahren aufgefallen: einige heben den Arm auf zweifelhafte Art.
Für diejenigen, die den Zwergenwald nicht kennen: die Zwerge sind mechanisch: an Strippen ähnlich Marionetten hängend werden sie durch einen Motor (von Scheibenwischern entnommen) bewegt, der auslöst, wenn man sich dem Haus nährt. Dabei gibt es nicht viele Arten, die Gliedmaßen sich bewegen zu lassen und eine davon ist eben, dass Arme nach oben gezogen werden.
Nun kann dabei allerdings bei einigen Figuren der Eindruck entstehen, sie würden den Arm zu einem bestimmten Gruß heben, der dem der Nationalsozialisten ähnlich sieht.
Erster Impuls: Lachen, Handy raus, Foto oder sogar Video machen, bei Social Media posten.
Zweiter Impuls: darüber nachdenken.
Das will ich nun hier tun.
Es stellen sich einige Fragen: Warum fallen uns oder einigen von uns solche Ähnlichkeiten, die sicher nicht beabsichtigt sind, immer wieder auf?
Sind wir darauf geprägt, so etwas überall zu sehen? Oder anders: Prägt uns die NS-Zeit so sehr? Und wenn ja, was haben wir daraus gemacht, was machen wir jetzt daraus?
Auch wenn der Weihnachtsmarkt sicher nicht der Ort ist, an dem man an die Zeit des Nationalsozialismus erinnert werden will und die Künstler des Zwergenwaldes vermutlich keine Assoziationen im Sinn gehabt haben, sollte man an dieser Stelle weiterdenken:
Und hier kommt der Kern: was machen wir mit dieser Entdeckung? Bleibt es beim Sich-Darüber-Lustigmachen? Oder können wir das Ganze einordnen, folgt daraus eine Erkenntnis?
Die Zwerge sollen hier nur ein Beispiel sein dafür, wie wir mit dem Thema umgehen.
Die satirischen Vergleiche mit Nazigrößen, die Memes, die (mal mehr mal weniger lustigen) Sprüche, die alle möglichen Leute fallen lassen. Und dann auf der anderen Seite: die immer stärker werdende Meinungsmache von rechts, die den Nationalsozialismus verharmlost, ein falsches Geschichtsbild kreiert, das zur Parteilegitimation benutzt wird, die Shoa mitunter sogar leugnet. Und die Menschen, die auch Vergleiche mit Nazigrößen ziehen, die auch Memes posten, die auch Sprüche bringen, nur, dass sie das völlig ernst und positiv meinen.
Braucht es da auf der anderen, der demokratischen Seite nicht mehr als sich über grüßende Zwerge lustig zu machen? Wenn uns das schon auffällt, sind wir dann nicht auch in der Lage, uns zu positionieren im Diskurs, die Zwerge weiterzudenken?
Ja, auch wir, die gegen rechtes Gedankengut sind (wobei „Gut“ hier echt das falsche Wort ist), haben auf dem Weihnachtsmarkt anderes im Sinn als uns über erinnerungskulturelle Fragen Gedanken zu machen. Doch gerade in einer Zeit wie dieser, wo Weihnachtsmärkte wegen Drohungen abgesagt werden – ganz egal, wie man diesen Schritt bewertet – sollten wir uns wirklich überlegen, ob wir auf der Stufe des Sich-Darüber-Lustigmachens bleiben wollen, bleiben können.
Dazu habe ich Torben drei Fragen gestellt.
Siehst du es kritisch, dass einige Zwerge im Schwartauer Zwergenwald so aussehen, als ob sie den Hitlergruß machten?
Nö. „So aussehen als ob“ und es tatsächlich tun, das sind doch zwei sehr unterschiedliche Dinge. Context is king.
Findest du es ok, wenn man sich darüber lustig macht?
Ok? Notwendig! Man muss nur schauen, wie. Es ist halt ein Unterschied, ob man es so macht, wie es viele in der Schwartauer Fußgängerzone tun und kurz seinen Vertrauten eine Nachricht schreibt „Guck mal, das haben die aber ungeschickt gemacht“ oder ob man im Stile eines Oliver Pocher es zum Thema eines ganzen Comedyprogrammes macht, dabei noch kräftig über marginalisierte Gruppen herzieht und möglichst „edgy“ (grenzwertig) ist. Humor sollte ein Mittel der Kritik an den Mächtigen sein, kein Mittel um Menschen, die ihr Herzblut in einige bunte Weihnachtswichtel stecken, lächerlich zu machen.
Aussagen wie :“Meise geht zu Meise, Fink zu Fink, der Storch zur Störchin, Feldmaus zu Feldmaus, Hausmaus zu Hausmaus, Wolf zu Wolf usw. usw. usw.“ sind nichts als ein schlechter Scherz und man sollte sie auch als als solches benennen. Das ganze dritte Reich war in all seiner Schrecklichkeit auch immer und immer wieder beeindruckend lächerlich. Und das im Hinterkopf zu behalten, ist zumindest deutlich besser, als einen österreichischen Maler mit einer großen Portion Dreistigkeit und einem gewissen rhetorischen Talent stets als das ultimative, einzigartige, ehrfurchtsgebietende Böse dazustellen.
Also ja, man kann sich über Zwerge, die den Arm heben, lustig machen. Mit gutem Willen, freundschaftlich und ohne Ehrerbietung gegenüber dem, worüber mach sich eigentlich lustig macht.
Wie sollte man damit umgehen?
Der kritische Blick sollte gewahrt bleiben. Ist es ein Versehen, etwas, das offensichtlich nicht beabsichtigt ist, keine sogeannte Dogwhistle?* Oder ist es tatsächlich eine Dogwhistle oder, vielleicht sogar offene, Provokation und ein Ausdruck einer Meinung. Aber wenn solche Dinge nicht als Absicht erkennbar sind, wenn es sogar eher das Gegenteil zu sein scheint, dann kann man sich mal ein wenig ärgern, dass man so tief in diese Themen hinein gestoßen worden ist, dass ein so kritischer Blick überhaupt von ganz alleine geschieht, aber ansonsten ist ein kurzes Schmunzelnz sicher nicht tragisch. Humor kann immerhin als die Inkongruenz zwischen Konzept und realem Objekt gesehen werden wie viel größer könnte die Inkongruenz sein, als in diesem Fall?
Und wenn doch mehr dahinter zu stehen scheint? Dann kann man fragen, nachhaken, selber recherchieren. Erst einmal ohne Anklage, erst einmal Wissen sammeln. Und wenn man Ende steht, dass da tatsächlich mehr ist? Dann macht man den Mund auf, dann spricht man das Problem an, dann organisiert man sich. Was man aber niemals tun sollte, ist einfach zu schweigen und es hin zu nehmen.
*Dogwhistle – eine politische Aussage, die je nach Empfänger unterschiedlich verstanden wird. Aktuelle Beispiele sind „Souveränität“, „Globalisten“ oder „Goldstück“
In diesem Sinne wünschen wir euch allen ein besinnliches Weihnachtsfest, ruhige Tage ohne Aufregung und einen guten Rutsch und freuen uns schon auf das nächste Jahr, welches einige spannende Aktionen und Projekte bereithält.
Lea, Torben und Joe und Yunus
Das waren keine Helden! oder Wie meine Familie den Volkstrauertag sieht
Gedanken zur Erinnerungskultur
Am Volkstrauertag 2024 haben wir in meiner Familie erstmals – soweit ich mich erinnern kann – darüber nachgedacht, was dieser Tag für uns bedeutet.
Meine Mutter zitierte meinen Großvater, der zu seinen Kindern gesagt hatte: „Das waren keine Helden.“ Den Gedenktag hat meine Familie nie begangen, sie haben nicht an Gedenkmärschen oder -feiern teilgenommen und auch ich habe in meiner Kindheit keinen Bezug dazu vermittelt bekommen. Für mich war das ein Tag, den ich in den Nachrichten kennengelernt habe, irgendwann zwischen acht oder zehn Jahren und den ich damals auch nicht hinterfragt habe. Nun, dreißig Jahre später, Krieg wird immer präsenter und die Teilnahmen am Volkstrauertag weniger – ich beschäftige mich inzwischen beruflich viel mit Erinnerungskultur und Demokratiebildung – versuche ich zu erfassen, was der Volkstrauertag eigentlich ist, bewirkt, soll…
Zurück zu Bruno, meinem Großvater.
Bruno ist in Pommern geboren, 1923. Mitten in einer Zeit, die geprägt war von den ersten Versuchen einer deutschen Demokratie, dem Zurücklassen der vermeintlich sicheren Zeit, als es noch den Kaiser gab und einer drohenden weltweiten Wirtschaftskrise.
Als er zwei Jahre alt war, ließen ihn Vater und Mutter mit zwei älteren Geschwistern allein zu Hause, damit sie zusätzlich zur Arbeit auf dem Gut sich bei umliegenden Bauern etwas für den Lebensunterhalt der Familie dazu verdienen konnten.
Es war eine Zeit von Inflation, drohender Armut und mittendrin begann Deutschland den Militarismus wiederzuentdecken. Wieder? Oder war er nie fort? Es bildeten sich Kriegervereine, auch in dem kleinen pommerschen Dorf und dort trafen sich die Veteranen des Ersten Weltkrieges, Lehrer, Gutsbesitzer, Bauern und posierten mit Pickelhaube und Gewehr.
In dieser Welt wuchsen Bruno und seine Geschwister auf. In der Schule schwappte der Militarismus dann auch auf sie über: strammstehen, Daten von Siegen und Kaisern wissen und das seit dem Mittelalter, ein glorreiches Deutschland! Die Kinder spielten Krieg in der Pause und am Nachmittag. Dann kamen die Nazis. Plötzlich sollten alle Jungen in ihrer Freizeit bei der Hitlerjugend mitmachen. Ein Verein, der meinem Urgroßvater so gar nicht zusagte, so wie alles, was politisch braun war. Er weigerte sich, seine Jungs hinzuschicken und wies beharrlich nachfragende Möchtegern-Sturmbannführer barsch ab. In diese Zeit fällt auch die Entstehung des „Heldengedenktages“, der Vorgänger unseres Volkstrauertages und der Nachfolger des 1925 eingerichteten Volkstrauertages Nummer eins. Viele Gedenksteine mit den Zahlen des Ersten Weltkrieges und die Namenslisten der Gefallenen wurden in Dritten Reich aufgestellt. Alle Zeichen standen auf Konflikt und dazu gehörte auch, die Bevölkerung darauf vorzubereiten. Hier auf der emotionalen Ebene.
Wenige Jahre später begann der Zweite Weltkrieg. 1943 musste auch Bruno an die Front. Er meldete sich freiwillig für die Infanterie, obwohl er gut reiten konnte, denn er befürchtete, sich mit einem Pferd immer zuerst um das Tier kümmern zu müssen. Er überlebte – zwei seiner Brüder nicht, der jüngere war gerade 18. Vier Jahre russische Gefangenschaft folgten. Da war er gerade in seinen Zwanzigern. Danach kam er nach Lübeck, fernab von seiner Heimat in ein völlig anderes Deutschland. Lagerleben, sein erstes Kind wurde geboren, er arbeitete nun auf dem Bau – viele Wohnungen mussten gebaut werden, denn die Städte waren nicht nur zerstört, Schleswig-Holstein hatte nun auch doppelt so viele Menschen, die einen Platz brauchten.
Und aus dem Heldengedenktag war der Volkstrauertag geworden, nun ab 1952 immer am vorletzten Sonntag vor dem ersten Advent begangen. Gedacht wurde vor denselben Steinen, mit denselben Inschriften, mit denselben Namen toter Soldaten, mit demselben Lied vom „guten Kameraden“ (1825): alles wieder militaristisch. Warum sollte er in diesem Tag etwas anderes sehen, als das, was dieser Tag in seiner Kindheit und Jugend war?
Und nun Brunos Satz, mit dem er seine Abneigung gegen den Volkstrauertag ausdrückte: „Das waren keine Helden“.
Damit war das Thema erledigt. Ich kann mich an Nachmittage, meist in der kalten Jahreszeit, erinnern, meine Schwester und ich waren bei unseren Großeltern, die gegenüber wohnten, und hörten Geschichten von früher. Denn uns haben sie beide viel erzählt. Ein besonderer Schatz waren die Fotoalben, die beide Familien aus ihrer Heimat durch die Vertreibung nach Lübeck gerettet hatten. Wir Kinder betrachteten sie oft gemeinsam mit Oma und Opa und lauschten den Geschichten, die die beiden zu jedem Bild erzählen konnten. So lernten wir Menschen kennen, die wir nie gekannt haben. Wir lernten das Dorfleben der 20er und 30er Jahre kennen. Alltag, Schule, Freizeit, den Jahresrhythmus mit Aussaat, Ernte und Viehzucht, das Familienleben, das so anderes war als unseres und dadurch so spannend. Auch der Krieg wurde nicht ausgespart. Vielleicht waren die beiden auch froh, darüber zu reden, weil sie es nicht gekonnt hatten, mit ihren Kindern darüber zu sprechen. Wir erfuhren von Brunos Zeit in der kurzen Ausbildung vor der Front, auch Geschichten von der Front erzählte er uns. Dora, meine Oma, war besonders vom Krieg betroffen: sie heiratete Brunos älteren Bruder Willi, eine Kriegsheirat 1943. Der Tod von Willi sollte sie niemals loslassen, auch das bekamen wir hautnah zu spüren. Heute frage ich mich manchmal, wie Bruno sich dabei gefühlt hat, wie er damit umging, dass seine Schwägerin, dann seine Ehefrau, Zeit ihres Lebens seinen Bruder vermisste. Dieses Spannungsfeld war mir schon als Kind aufgefallen, ich wagte nur nicht nachzufragen, spürte nur die Traurigkeit.
„Das waren keine Helden.“ Das habe ich schon mit sechs verstanden. Wie denn auch? Sie sind ja nicht freiwillig in den Krieg gezogen, um ihr Land, ihre Familien zu schützen, wie man es auch heute gerne sagt, wenn es um den Wehrdienst geht. Sie hatten buchstäblich keine Wahl.
Und egal, ob es ein Kaiser ist, ein Diktator oder auch eine Regierung wie die unsere, ich fand schon mit acht, als ich diesen Erzählungen lauschte, dass es falsch ist, so zu denken. Denn: „Das waren keine Helden.“ Ein Held ist etwas anderes.
Das hat meine Familie und mich geprägt und daher kennen wir den Volkstrauertag nur aus den Nachrichten. Und ich glaube, das ist gut so. Denn Gedenken an Opfer und Tote durch Gewalt und Krieg ist zu persönlich, als dass ein Staat dafür ein starres Gerüst wie dieses geben kann. Er darf, das will ich hier nicht bestreiten, und für manch einen mag es auch das „richtige“, das „passende“ Gedenken sein. Für manche aber nicht.
Ich finde es generell schwierig, auf so einem persönlichen und individuellen Erlebnis einen Gedenktag für ein Land aufzubauen, denn wozu sind Gedenktage da? Ganz zentral, um ein Wir-Gefühl zu schaffen. Und so, wie der Volkstrauertag begangen wird, welche Hintergründe immer noch präsent sind, wie unterschiedlich die Ausprägung ist, kann kein Wir-Gefühl geschaffen werden. Weder erinnerungskulturell noch politisch sind wir da auf einem Nenner. Und solange das so bleibt, werde ich auch weiterhin den Volkstrauertag nur aus den Nachrichten kennen. Was eigentlich schade ist, denn er bietet unheimlich viel Potential für eine gemeinsame Basis, für einen demokratischen, toleranten, wertschätzenden Umgang miteinander. Ich wünsche mir, dass in Zukunft mehr Menschen mutig sind, denn das sind ja schon einige und erfinden diesen Tag neu. Und vielleicht wird es dann auch mehr Menschen geben, die sich Bruno anschließen und sagen: „Das waren keine Helden“.
Hallo ihr Lieben – oder ein Fazit nach einem knappen halben Jahr
Kaum zu glauben, ein halbes Jahr sind wir erst mit Ars Discendi in Lübeck unterwegs und es fühlt sich schon so an, als würden wir das schon ewig machen.
Dass wir in so kurzer Zeit schon so gut angenommen worden sind und so viele begeisterte Menschen kennengelernt haben, die sich alle für Geschichte, Gesellschaft und unsere Gemeinschaft einsetzen, liegt zum großen Teil an EUCH!
Dafür ein riesiges Dankeschön!
Wir hatten viel Spaß bei allen unseren Formaten, haben Neues gewagt, euch hoffentlich gut unterhalten und dem einen oder anderen auch spannende neue Dinge vermittelt und zum Nachdenken angeregt.
Das jedenfalls habt ihr uns immer wieder in sehr lieben Rückmeldungen geschrieben, über die wir uns in den Tagen, während unsere Touren auch bei uns nachklangen, unheimlich gefreut haben ;-).
So sind auch ganz nebenbei Kontakte entstanden – damit haben wir gar nicht gerechnet – und wir haben gesehen, wie viel Vielfalt es in Lübeck und Umgebung gibt, sich mit kulturellen oder historischen Themen, aber auch politisch brisanten, zu beschäftigen und etwas auf die Beine zu stellen.
Helmold hatte, wie ihr auf dem Foto sehen könnt, jedenfalls sehr viel Freude an seiner Reise in die Zukunft und Bandit (ich hoffe, ich habe seinen Namen richtig geschrieben) hat sicher auch dazu beigetragen, dass er uns wieder besuchen kommt.
Im nächsten Teil werden wir Helmold zu seiner Berufung als Mönch befragen – da kann er uns nämlich einiges zu den unruhigen Zeiten in Alt Lübeck berichten, als sich hier, am Limes Saxoniae, der slawische Kult und das sich ausbreitende Christentum gegenüberstanden.
Wer glaubte was und warum?
Wenn ihr über Touren oder Veranstaltungen immer als erste informiert werden möchtet, mailt uns und wir nehmen euch in den Newsletter der Eingeweihten auf.
Im November steht bei uns das 20. Jahrhundert im Fokus: „Zeit des Erinnerns“ steht an und wir sind auch dabei.
In Kücknitz beschäftigen wir uns mit dem Gedenken über Straßennamen, machen uns Gedanken zum Volkstrauertag und diskutieren die Rolle der Kirche im Umgang mit extrem Rechten.
Dort und auch in der Gedenkstätte Lutherkirche sind wir mit unseren Workshops zur Lübecker Landeskirche im Nationalsozialismus und gehen als Biografieforscher mit euch auf Reisen, indem wir uns den evangelischen Pastor, Karl Friedrich Stellbrink, – einer der vier Lübecker Märtyrer – genauer unter die Lupe nehmen. (Diesen Workshop mit dem Titel Wie erinnern wir? bieten wir auch in Kücknitz an).
Informiert euch gerne im Flyer, erzählt euren Freunden, Familien und Bekannten von Zeit des Erinnerns, teilt die Veranstaltungen und vor allem: kommt vorbei! Nicht nur bei uns, Zeit des Erinnerns bietet wahnsinnig viele, wichtige und gute Veranstaltungen! Alle, die daran mitwirken, freuen sich auf euch.
Alle Veranstaltungen von uns findet ihr auch unter unserem Terminen.
Wir freuen uns auf ein baldiges Wiedersehen mit euch!
Erinnern an: Den Zweiten Weltkrieg
Teil 1: Dänemark
Folge 3: Das Lager Oksbøl
"Aktion "Dänemark Rückkehrer".
Nein, das sind keine Touristen, die ihren Urlaub an den Stränden unseres Nachbarlandes verbracht haben und nach Sommerfrische und Erholung nun wieder dem tristen Alltag zugeführt werden.
Bei dieser „Aktion“ (so wurden die einzelnen Bevölkerungsverschiebungen genannt, die die Alliierten nach dem Kriegsende beschlossen hatten) ging es um die etwa 250.000 deutschen Flüchtlinge, die sich nach ihrer Evakuierung aus Ostpreußen in Dänemark aufhielten.
Viele davon befanden sich im Lager Oksbøl und wurden ab 1947 nach und nach gen Deutschland rückgeführt. Dabei kamen sie auch durch das Flüchtlingsdurchgangslager hier in unserem Waldhusener Forst.
Ähnlich wie in Deutschland bei den Wohnlagern und auch bei dem Durchgangslager Pöppendorf sah man sich nach den Beschlüssen der Potsdamer Konferenz mit den Plänen der große Teile Europas umfassenden Bevölkerungsverschiebung einem großen Zeitdruck gegenüber. Daher wurden hier und dort Lager rasch aus dem Boden gestampft, improvisiert, alte Strukturen (ja, auch Zwangsarbeiterlager) rasch umgewidmet. Die Zeit drängte auch in Oksbøl, wo schon im Spätsommer 1945 27.000 Menschen untergebracht waren.
Wie auch in Deutschland gab es eine Phase der Kontrolle und Anwesenheit der Briten, die das ehem. Militärlager nach den Deutschen nun nutzten. Nach deren Abzug wurde zunächst überlegt, ob man die Lager für deutsche Kriegsgefangene nutzen solle. Da diese jedoch rasch nach Deutschland zurückkehrten (auch das Lager Pöppendorf wurde zunächst für die Entlassung der deutschen Armee, die aus Norwegen kam, errichtet, erst dann für Flüchtlinge als Durchgangslager), wurde Oksbøl also Flüchtlingsunterkunft.
Die Situation: es handelte sich um ein auf Soldaten abgestimmtes Militärlager. In Oksbøl etwa gab es einen Militärübungsplatz. Die Unterkünfte waren nicht komfortabel, boten aber Platz für sehr viele Menschen; Versorgungseinheiten wie eine Küche, die 10.-12.000 Menschen versorgen konnte, waren bereits vor Ort. Die Lager waren von Haus aus gesichert und mit Stacheldraht umgeben – wie man es heute ja auch noch von Kasernen und dem Übungsgelände darum kennt.
Auch für den gesellschaftlichen Druck in Hintergrund, etwa der Befürchtung, es könnten nun dauerhaft Schulen als Flüchtlingsunterkunft dienen und die einheimische Bevölkerung für geraume Zeit einschränken, konnten die Lager ein Ventil sein.
Da sich die Flüchtlinge vor allem auf den Süden (Region Kopenhagen und Jütland) konzentrierten, bedeutete dies, dass beinahe 100.000 Menschen in und um Kopenhagen und ebenfalls fast 100.000 in Jütland selbst verteilt sich befanden. Diese Zahl konnte bis Jahresbeginn 1946 mit der Nutzung der Lager deutlich verringert werden.1
Hier ein kurzer Steckbrief von Oksbøl:
Größe: 4 km2
Bewohner: etwa 36.000
ergibt: 9000 pro km2!
Schwarzbrotdepot: 15.000 täglich
Nahrungsmittelbedarf pro Woche:
Milch: 70.000 l
Kartoffeln: 70.000 kg
Gemüse: 53.000 kg2
Die Lebensmittel kamen zunächst aus der Region (Fisch und Gemüse ganz) sowie von den staatlichen Exoprtausschüssen (Kartoffeln, Butter, Käse und Speck). Das sorgte für einen wirtschaftlichen Aufschwung in der Region, den der Staat bezahlte.3
Interessanterweise hatte Oksbøl nur Verwaltungspersonal in Höhe von 29 Personen, die für 36.000 Menschen zuständig waren. Das war nur möglich durch ein System der Selbstverwaltung durch die Flüchtlinge: es gab einen eigenen Magistrat, der die Gemeindevertretung darstellte und sozusagen ausführende Gewalt im Lager war, sich mit der Leitung abstimmte etc.4Das Zusammenleben wurde durch viele, strenge Regeln bestimmt:
Es gab eine strikte Trennung zwischen dänischer Bevölkerung und den Deutschen, die physisch durch einen bewachten Zaun in Erscheinung trat.
Fraternisierung, heißt Kontakt zwischen den Menschen inner- und außerhalb des Zaunes,war streng verboten und wurde hart bestraft: 2-3 Wochen Haft oder 100 Kronen.5
Kinder unter 10 mussten um 20 Uhr, alle anderen um 22 Uhr Ruhe halten.
Die Nachtruhe ging bis sechs Uhr morgens.
Als weitere Verwaltungsbereiche gab es unter anderem: Registratur, Gärtnerei, Werkstätten, ein Kirchenbüro, das auch Geburten und Todesfälle registrierte, Post, Krankenhaus (das Gebäude steht übrigens noch und beherbergt heute das Flugt Museum!), ein Theater, Schule, Kino…6
Was heute auch noch zu sehen ist, ist der Friedhof des Lagers, der als Teil der Kriegsgräberfürsorge von dieser Organisation betreut wird.
Oksbøl ist also heutzutage Museum für das Lager, Gedenkstätte und beherbergt eine große moderne Ausstellung über das Thema Flucht: „Flüchtlinge zu allen Zeiten“ genannt.
1 Jensen, S. 57f.
2 Jensen, S. 61, 66.
3Jensen, S. 67f.
4Jensen, S. 68.
5Jensen, S. 69f.
6Jensen, S. 69-73.
Wir haben uns das Museum im September 2024 angeschaut und waren beeindruckt. Die zweigeteilte Ausstellung: Oksbøl als Flüchtlingslager damals mit vielen historischen Exponaten und einem riesigen, von den Flüchtlingen selbst gebauten Modell des Lagers! und im anderen Teil des Gebäudes eine bemerkenswert vielseitige, medial eindrückliche Ausstellung, die uns das Thema Flucht im 20. Jahrhundert näher bringt. Dort setzt man vor allem auf Audioguides, Tafeln zum Durchlesen findet man selten bis gar nicht. Installationen zeigen die Heimat der Flüchtlinge repräsentiert durch ein Zimmer ihres Hauses, gepaart mit ihrer Geschichte, die man beim Betrachten hören kann.
Zeitzeugen spielen überhaupt eine große Rolle. Was auch nachvollziehbar ist, denn wer könnte uns heute besser vermitteln, was es bedeutet, fliehen zu müssen, in ständiger Lebensgefahr zu sein und dann irgendwo anzukommen und die Hoffnung zu haben, nach all den Strapazen, Ruhe, Frieden und vielleicht ein neues glückliches Leben zu finden, ähnlich dem, das man verlassen musste.
Wir lernen Menschen aus der ganzen Welt kennen, Konflikte werden uns wieder näher gebracht, die wir vielleicht schon verdrängt oder gar vergessen haben, wie den Kosovokonflikt, der erste Krieg, den ich Mitte der 90er als Grundschülerin bewusst in den Nachrichten miterlebt habe und der für mich heute noch nachwirkt.
Draußen gibt es neben dem Museumsgebäude, das einmal das Krankenhaus war, außer Wald und Heidelandschaft nicht allzu viel zu sehen, eine alte Baracke soll demnächst zur Ausstellung über das Lager umgebaut werden und die bestehende Dauerausstellung ergänzen. Das Gelände wird jedoch dennoch eindrücklich historisch erfahrbar gemacht: ein Audioguide meldet sich immer wieder, während man auf den vielen Pfaden durch Sandheide und Wald wandelt. Oksbøl im Jahr 1946 wird hier durch eine deutsche junge Frau lebendig gemacht, die uns durch das Lager begleitet und sich mit verschiedenen Menschen, die sie auf dem Weg trifft, unterhält. So lernen wir das Theater, die Küche, die Schule, der Feuerwachturm (den man übrigens besteigen kann) und die Werkstatt kennen.
Das Museum ist ein Ort für einen ganzen Tag und obendrein gibt es auch noch ein gemütliches oder wie die Dänen sagen hyggeliges Restaurant mit Speisen zur Stärkung.
Was uns an der Ausstellung zum Lager damals noch besonders gut gefallen hat, ist der Nachbau des Kinos in einem Raum, in dem man auf Kinosesseln sitzend ringsum mit Bildschirmen bestückt, Aufnahmen aus der Zeit des Lagers betrachten kann und quasi visuell in die Zeit eintaucht.
Wer also seinen Urlaub in der Nähe von Varde nördlich von Esbjerg, Blåvand ist vielleicht auch ein Begriff, verbringt, der sollte dem Flugt Museum wirklich einen Besuch abstatten. Es lohnt sich! Auch, weil es mit seiner Art zu vermitteln mal ein wenig von dem abweicht, was wir auch in Deutschland sonst gewohnt sind.
Erinnern an: Den Zweiten Weltkrieg
Teil 1: Dänemark
Folge 2: Flüchtlinge in Dänemark und der Umgang mit den Quellen
Ich wusste nichts von der Existenz von Flüchtlingslagern auf dänischem Staatsgebiet, bis ich im Zuge der Ausstellung zu unserem Kücknitzer Durchgangslager auf das Thema gestoßen bin. Bedenkt man die ungeheuer großen Zahlen an Menschen, die während und nach dem Zweiten Weltkrieg in ganz Europa stattfanden, ist das jedoch recht einleuchtend. Irgendwo sind sie ja hingekommen. Und dass es dort nicht unbedingt Platz, Wohnraum, Versorgung für tausende von Menschen in so kurzer Zeit gab, ist auch nachvollziehbar. Diese Situation ist aber in keinster Weise vergleichbar mit unserer gern als „Flüchtlingskrise“ betitelten Zeit ab 2015!
Forscht man zum Lager Pöppendorf, gehören die sog. „Dänemarkrückkehrer“ zu den Menschen, die mit als letzte Gruppe durch das Durchgangslager geschleust wurden. 1948, mehr als drei Jahre nach Kriegsende! Das lag schlichtweg daran, dass die Rückführung anderer Personen dringender war, etwa die der Vertriebenen aus den Ostgebieten, die sich in Vertreibungslagern aufhielten und unter meist menschenunwürdigsten Bedingungen untergebracht waren, weil etwa Staatsgrenzen sich änderten (Polen-Deutschland), kurzum: die Priorität also woanders lag.
So harrten etliche tausend bereits 1944 aus Ostpreußen Evakuierte jahrelang in Dänemark aus, ein Land, das bereits früh vom Deutschen Reich besetzt wurde und nun – zusätzlich zur Besatzung – auch noch eine riesige Zahl derer aufnehmen sollte, die Staatsbürger dieser Besatzungsmacht waren.
Wie das funktionierte, kann man am Lager Oksbøl sehen:
Ein ehemaliges Militärlager, 35.000 deutsche Flüchtlinge: daraus wurde die fünftgrößte Stadt Dänemarks! (Dazu mehr in der Folge 3.)
Die Besatzungszeit war zu Ende und die dänischen Behörden taten zunächst wenig für die deutschen Flüchtlinge.
„Mit unserer Ernährung wird es immer trauriger. In dieser Woche bekamen wir drei Tage Kohlrüben und vier Tage Mohrrüben-Wassersuppe. Brot – sogar etwas Weißbrot (fünf Scheiben Schwarz- und zwei Scheiben Weißbrot pro Tag). 20 Gramm Butter, 25 Gramm Wurst und 25 Gramm Käse als Zubrot. (…) Statt der sonst üblichen Wassersuppe gab es heute – statt Festbraten – eine sogenannte Milchgrütze, ein blaues Etwas mit Mäusedreck!“ Elisabeth von dem Knesebeck
Und ein Journalist schrieb:
„Unter den gegebenen Umständen gibt es für die Flüchtlinge keinen Grund, sich zu beklagen. Ihr Problem ist in erster Linie: Da sie sich jetzt nicht mehr unter dem Schutz der Wehrmacht vollstopfen können, möchten sie am liebsten nach Hause. Wir wünschen uns auch sie rasch loswerden zu können.“1
Solche Zeitzeugenaussagen machen etwas mit uns heute: Ich denke zuerst an den Gegenwartsbezug: Hey, das ist irgendwie nicht weit weg von der Polemik, die man in der Bildzeitung lesen kann… und wenn ich mir den Tagebucheintag von Elisabeth anschaue, plus der Info, die ich aus ihrem adelig anmutenden Name ziehe, habe ich auch gewisse Gedanken dazu im Kopf…
Und was machen wir Historiker mit solchen Quellen?
1. Niemals kann das allein die Realität abbilden oder uns zu allgemeinen Aussagen wie „Die Deutschen wurden von den dänischen Behörden nach der Besatzungszeit schlecht behandelt“ leiten. Einzelfälle und Eindrücke oder Bewertungen einzelner Personen haben KEINEN Allgemeinheitsanspruch!
2. Es ist wie ein riesiges Puzzle, dem viele Teile fehlen: wie viele, wissen wir nicht, werden wir auch nie herausfinden.
3. Wir können uns der Vergangenheit stets nur annähern und dabei versuchen, eine objektive Sicht einzunehmen. Das heißt: Emotionen zurückfahren, Aufregung runter, Dinge hinterfragen!
4. Wir sind nicht dazu da, ein vollständiges Bild der Vergangenheit zu zeichnen. Von diesem Anspruch muss man sich verabschieden. Das geht ja nicht einmal in unserer Gegenwart, wenn man sich das einmal überlegt, also warum sollte das für Ereignisse gelten, die Jahrzehnte oder Jahrhunderte oder gar Jahrtausende zurückliegen?
Eine ausgiebige Quellenrecherche und Analyse kann ergeben: wir haben – in diesem Fall – unterschiedliche Meinungen über die Situation der Flüchtlinge in Dänemark. Je nach Position: Däne, der unter der Besatzung lebte, ein Deutscher, der evakuiert wurde und in Dänemark das Ende der Besatzung im Lager erlebt. Natürlich haben die beiden unterschiedliche Erfahrungen gemacht, sehen ihre Situation anders.
Was wir machen können, ist: Darstellen, welche Meinungen es gibt und sie einordnen. Vielleicht haben wir andere Quellen, die ein objektives Bild vervollständigen, etwa bei der Versorgung. Es gibt ja Schlüssel, die festlegen, wie viel Kalorien jedem Flüchtling zustand. Ob das nun überall immer eingehalten wurde? Das bleibt wieder im Dunkeln.
Für Dänemark stellt John V. Jensen in seinem Buch über die deutschen Flüchtlinge in Dänemark fest, dass das Bild wie üblich sich nicht schwarz und weiß darstellt. Verständlicherweise waren die Dänen in der Mehrzahl, gerade als mit der Befreiung die eigenen Behörden und auch die Widerstandsgruppen die Versorgung und Unterbringung der Flüchtlinge übernahmen, den Deutschen nicht gerade zuvorkommend und gnädig gestimmt. Sodass eine nun schlechtere Essensversorgung und ein negatives mitleidloses Bild in der Presse nun beobachtet werden konnte. Es gibt aber auch Beispiele in Zeitzeugenaussagen etwa, dass Deutsch auch freundlich behandelt wurden. Wie üblich darf man hier also nicht ein Gesamtbild malen. Dass Aktionen gegen die Deutschen in der Überzahl waren, belegen Razzien durch Widerstandkämpfer, die sich auf eine Ausbeute von insgesamt 150.000 Kronen plus einige deutsche Sparbücher beliefen. Auch ein Zeichen für die negative Stimmung ist ein Verteidigungsbrief von 60 dänischen Pastoren, der in der Tageszeitung veröffentlicht wurde und an Menschlichkeit appellierte und einen „neuen Nazismus“ anprangerte.2
Da die Alliierten eine rasche Rückführung der Flüchtlinge ausschlossen (es gab ja die organisierten Vertreibungen, die ganz Europa umfassten und auch die Rückführung aus Dänemark beeinflussten), war man in Dänemark gezwungen, eine Flüchtlingsverwaltung aufzubauen, was im September 1945 geschah. Deren Leiter äußerte sich weitsichtig:
„(…) diese Menschen waren gegen unseren Willen hierher gekommen, weshalb niemand von uns erwarten konnte, freundliche Gefühle ihnen gegenüber zu hegen. Aber wenn man den Anspruch erhebt, sich als demokratischer und somit humaner Staat zu bezeichne, war klar, dass wir weniger aus Rücksicht auf die Flüchtlinge als auf uns selbst und dem Urteil nachfolgender Generationen diese uns aufgezwungene Aufgabe übernehmen müssen.“3
Die Verwaltung arbeitete fortan im Spannungsfeld zwischen einer Versorgung, die auf der einen Seite nicht als inhuman beurteilt werden sollte, auf der anderen auch nicht gegenüber der eigenen Bevölkerung den Eindruck einer Bevorzugung der Deutschen erwecken sollte.
Die Idee, die dann auch umgesetzt wurde, war: die Flüchtlinge aus der Öffentlichkeit zu entfernen, sie unsichtbar zu machen und so Kontakte zu unterbinden, die zu Hass und Schlimmerem führen konnten. Das ging jedoch nicht lange gut, denn aus der Presse regte sich Kritik, die sogar soweit ging, dass ein Lager spekulativ mit dem KZ Neuengamme verglichen wurde.
Heute fällen Historiker das Urteil, dass es Deutschen in dänischen Lagern – trotz Stacheldraht und Unfreiheit – jedenfalls was die Versorgung und Unterbringung anbelangte, besser erging als den deutschen Ostflüchtlingen in Deutschland in dieser Zeit. Vor einer allzu paradiesischen Sichtweise sollte man sich aber immer zurückhalten. Auch hier ist wieder Distanz und Objektivität gefragt.4
Aus dieser Vielseitigkeit der Quellen und Meinungen kann man lernen, dass Geschichte immer mehr als zwei Seiten hat und das ist auch eine gute Lehre für jedes Thema in Politik oder Gesellschaft, mit dem wir uns heute beschäftigen.
Und hier noch ein Spoiler: in Folge 3 besuchen wir das Lager Oksbøl, damals und heute als Museum.
Literatur: Jensen, John V.: Deutsche auf der Flucht. Aarhus 2022.
1 Jensen, John V.: Deutsche auf der Flucht. Aarhus 2022, S. 46f.
2 Jensen, S. 48f.
3 Jensen, S. 50f.
4 Jensen, S. 54f.
Erinnern an: Den Zweiten Weltkrieg
Teil 1: Dänemark
Folge 1: Der Zweite Weltkrieg in Dänemark – ein kurzer Überblick
Über Dänemark in der Zeit des Zweiten Weltkrieges lernt man in Deutschland wenig – jedenfalls in den Schulen. Auch wir in Schleswig-Holstein und das, obwohl wir Nachbarn sind!
In dieser kleinen Reihe berichten wir über den Umgang mit dem Thema in unserem Nachbarland und stellen Orte vor, die wir sonst nur als Ferienlocations kennen. Dazu dienen uns als Beispiele zwei Museen, die gar nicht weit von der schleswig-holsteinischen Grenze entfernt an der Nordsee liegen. Vorab schon einmal: es lohnt sich, diese Museen in den nächsten Dänemarkurlaub zu integrieren.
Dänemark unter deutscher Besatzung
Am 9. April 1940 erfolgte die Invasion der Wehrmacht nach Dänemark – eine Besatzungszeit begann, die sich in zwei Phasen einteilen lässt: 1940-1943 und 1943 (August) bis zur Befreiung am 5. Mai 1945.
In den Jahren zwischen 1940 und 43 blieben während der Besetzung die Institutionen im Land intakt. Die deutsche Seite erklärte, man werde die Neutralität des Königshauses schützen, denn man erkenne die Dänen als Germanen und damit als gleichwertig an. Als Vertreter der Besatzungsmacht, wurde ein sogenannter „Reichsbevollmächtigter“ eingesetzt, der mit dem weiterhin im Amt bleibenden dänischen Staatsminister zusammenarbeitete.
Dänemark hatte in den Jahren zuvor auf Deeskalation und möglichst unauffälliges außenpolitisches Verhalten gegenüber dem deutschen Reich gesetzt und schätzte seine Erfolgsaussichten, gegen die Wehrmacht bestehen zu können, zu gering ein.
Die ersten Besatzungsjahre waren in Dänemark geprägt von deutscher Zensur und dem Versuch, die dänische Bevölkerung zur eigenen Ideologie hinüber zu ziehen: die Fassade einer Eigenständigkeit bröckelte mehr und mehr.
1943 eskalierte der schon länger schwelende Konflikt im Land und die dänische Regierung trat am 28. August zurück. Werner Best, seit 1942 Reichsbevollmächtigter im Land, setzte zwar weiter auf Kooperation zwischen den beiden Ländern, sah sich aber wachsendem Widerstand auf dänischer Seite gegenüber. Er begann im Herbst 1943 mit der organisierten Judenverfolgung. Der Termin für die Deportation geriet an die Öffentlichkeit, Schweden bot über seinen Rundfunk seine Hilfe bei der Aufnahme dänischer Juden an, der dänische Widerstand organisierte in Zusammenarbeit mit der dänischen Verwaltung eine Rettungsaktion und war erfolgreich: die Mehrzahl der dänischen Juden konnte über die Ostsee nach Schweden entkommen. Best gab sich danach als Mitverantwortlicher aus, indem er behauptete, er habe den Termin absichtlich ans Licht kommen lassen. Seine Rolle bezüglich dieser Episode ist heute umstritten.
War Dänemark bisher vom Kriegsgeschehen verschont geblieben, änderte sich das Anfang 1945:
Am 12. Februar gelangten die ersten Flüchtlinge (Evakuierte aus Ostpreußen), Frauen und Kinder mit einem Sonderzug nach Jütland.
Best hatte dem Leiter des dänischen Außenministeriums, Nils Svenningsen, der die diplomatische Vermittlung nach dem Rücktritt der Regierung übernommen hatte, nur verkündet, dass Dänemark verletzte Soldaten aufnehmen sollte.
Dass ihm nun mitgeteilt wurde, dass das Land auch noch Zivilisten unbekannter Zahl unterbringen sollte, bereitete ihm Sorgen. Er forderte im Gegenzug für die Aufnahme die Freilassung von 1.458 zuvor inhaftierten und ins Deutsche Reich deportierten dänischen Polizisten. In der Folge gelang es Dänen, gemeinsam mit dem schwedischen Roten Kreuz, 30.000 KZ-Häftlinge nach Schweden in Sicherheit zu bringen.
Der Beschluss der deutschen Führung sah vor, 150.000 Deutsche nach Dänemark zu evakuieren. Sie sollten in Lagern auf dem dänischen Festland (die Inseln böten ein Sicherheitsrisiko bei Kämpfen oder erschwerten Evakuierungen) unter strikter Trennung von der dänischen Bevölkerung untergebracht werden.
Die Finanzierung wurde möglich durch ein Clearingkonto bei der Nationalbank, auf dem Importe deutscher Industriegüter und Agrarprodukte aus Dänemark in das Deutsche Reich verrechnet wurden. Eine zweite Säule stellte das Wehrmachtskonto dar, auf das Firmen, die für die Besatzungsmacht tätig waren, einzahlen mussten.
Konflikte entstanden nun auch innerhalb der deutschen Führung: es wurde diskutiert, ob und wie man ein Heer im Land kampffähig halten könne bei gleichzeitiger Aufnahme vieler Tausend Menschen.
In diese Situation hinein kamen Deutsche per Schiff und Eisenbahn aus den Gebieten der Ostfront in Dänemark an. Sie wurden in Unterkünfte in den größeren Städten Jütlands gebracht.
Ende April 1945 befanden sich nur im Großraum Kopenhagens 50.000 bis 60.000 Flüchtlinge, 26.000 davon auf 58 Schulen verteilt. Nach Kriegsende wurde auf alliierter Seite sogar die Aufnahme von 250.000 deutschen Kriegsgefangenen in Betracht gezogen. In diese Überlegungen fiel das deutsche Militärlager Oksbøl. Schon bei der Evakuierung, die seit Februar lief, wurden hier Menschen untergebracht. Nun wuchs das Lager schnell an und war ein Jahr später mit 35.000 Bewohnern die fünftgrößte Stadt Dänemarks.
Literatur: Jensen, John V.: Deutsche auf der Flucht. Aarhus 2022.
Dänemarkt unter deutscher Besatzung: https://de.wikipedia.org/wiki/D%C3%A4nemark_unter_deutscher_Besatzung
Gibt es ein Recht darauf, sich nicht erinnern zu müssen?
Eine Studie des MEMO Deutschland (Multidimensionaler Erinnerungsmonitor) zeigt aktuell, dass erstmals mehr Befragte es bevorzugen würden, dass unter die Zeit des Nationalsozialismus ein Schlussstrich gezogen werde.
Was sagt das aus über uns? Über uns als Gesellschaft? Über die Generationen, die immer mehr zeitlich entfernt von den Ereignissen aufwachsen, obwohl 80 Jahre erst ein Menschenleben sind?
Knapp 40 zu 40 % stehen sich gegenüber. Die Mitte verhältnismäßig klein. Spiegelt das auch ein wenig die viel diskutierte Spaltung in unserem Land wieder?
Schon bevor ich die Studie sah, machte ich mir Gedanken: Warum beschäftige ich mich soviel mit dieser Zeit, mit dem Krieg, seinen Auswirkungen auf, ja, alle. Juden, politisch, ethnisch, religiös Verfolgte, Flüchtlinge, Heimatlose, Zwangsarbeiter, Vertriebene. Meine Familie, die da ganz zentral mit drin hängt. Seit ich denken kann, ist mir bewusst, dass meine Großeltern Schreckliches erlebt haben. Sie haben uns Kindern davon erzählt. Mehr als ihren Kindern. Die Schwarzweißfotos aus ihrem Dorf in Pommern, das Landleben, das mein sechsjähriges Ich spannend, abenteuerlich, so ganz anders fand. Dann in fast jeder Erzählung verbunden damit: der Krieg. Wie mein Opa mit 20 eingezogen wurde, meine Oma ihren Mann verlor, den sie im Fronturlaub geheiratet hatte. Mit Anfang 20. Das waren zentrale Aspekte, wenn die beiden „von früher“ erzählten. Schönes neben Traurigem. Aber das gehört dazu. Ich habe nie gedacht, dass man das eine, das Negative, ausklammern sollte. Hat es mir geschadet? Ich glaube nicht. Damals begann mein Interesse für Geschichte. Ich las alle Bücher über die Zeit des Nationalsozialismus, die ich in der Jugendabteilung unserer kleinen Stadtbibliothek fand. Schon in der Grundschule fing ich damit an.
Und jetzt? Tue ich das immer noch. Nur oft auf der anderen Seite: Wenn man Geschichte vermittelt, kommt man, gerade auch bei der Regionalgeschichte, um diese Themen nicht herum. Offiziell angefangen habe ich mit der Geschichte über ein Durchgangslager in unserem heimischen Wald nach 1945; darin befand sich auch eine Episode zu dem Umgang mit jüdischen Auswanderern. Da ist sie wieder: Die Zeit des Nationalsozialismus.
Gerade jetzt, wenn es Jubiläen, Gedenktage gibt. Soviel ist noch unerforscht, soviel kann man – was uns mit unserer Arbeit am meisten interessiert – aufarbeiten, öffentlich machen, diskutieren, zeigen. Und das sollte man dringend, wenn man sich die Studie und unsere Stimmung in der Gesellschaft anschaut.
Manchmal denke ich: Warum muss ich das tun? Ich brauche doch nicht davon überzeugt werden oder mich selbst zu überzeugen, dass Krieg schrecklich ist, dass er mehr Leid verursacht als Nutzen (jedenfalls für die Meisten) bringt. Ich möchte doch viel lieber Ovid übersetzen, mich mit Literatur beschäftigen, mit hellen, freundlichen Themen.
Zuviel Beschäftigung mit solchen Themen zieht einen herunter. Es gab und gibt Tage, etwa um Weihnachten des vorletzten Jahres herum, da habe ich alles weggeschoben: die Bücher, die im Wohnzimmer lagen: über Völkerschauen, ethnisch Verfolgte in einem Lager bei uns in der Nähe. All das gleichzeitig. Ich konnte nicht mehr. Dann aber kommt ein neuer Impuls, eine Idee. Oft angestoßen durch Menschen, die ich treffe. Fragen, Ideen, die bei einer Führung geäußert werden. Und dann wieder eine neue Idee: Dies oder jenes Thema kennt kaum jemand, hier kann man verknüpfen. Das steht für jenes Phänomen. So kann die Gegenwart, die Gesellschaft erklärt, eingeordnet werden. Dadurch lassen sich Menschen politisch bilden.
So arbeiten wir und das macht Spaß! Wir haben immer mehr vor, als wir umsetzen, leisten können – es hört also nie auf.
Und dann wieder Zweifel: Erreichen wir überhaupt etwas? Erreichen wir genug?
Ähnlich wie in der Studie kann man unsere Gesellschaft in zwei Lager teilen: die einen, die erinnern und sich erinnern wollen, und die anderen, die das Negative, wie sie es vielleicht auch mit allem Negativen in ihrem Leben tun, verdrängen wollen. Ist das legitim? Dürfen oder müssen wir sogar Menschen zwingen, sich mit Negativem, das ihnen nicht gut tut, zu beschäftigen?
Die Frage ist eher: Was ist der Preis, wenn wir damit aufhören?
Die Generation der Zeitzeugen verschwindet. Bald gibt es nichts mehr von der Zeit des Nationalsozialismus aus erster Hand. Es gibt zwar Dokumentationen, vielleicht so viele wie zu keinem Thema sonst, aber das ist viel anonymer als die Geschichten, Erlebnisse, Erfahrungen aus der eigenen Familie. Jemand, der von sich erzählt, den wir kennen. Dieser Weg, der vielleicht ergiebiger, einfacher und nachhaltiger ist, ist bald versperrt, geschlossen, für immer. Was bleibt uns, um genauso nachhaltig und tiefgründig daran zu erinnern?
Vielleicht Regelmäßigkeit. Regionalität. Ganzheitliche Bildung.
Das wäre ein Ansatz. Vielleicht ist er nicht der Beste. Aber wir sollten es wenigstens versuchen und nicht nur ständig daran appellieren, dass etwas getan werden muss – ohne Taten folgen zu lassen. Ich weiß, das ist einfacher, aber statt mit großen pathetischen Worten, die in der Tagesschau fast das ganze Land erreichen, sollte man aufs Kleine schauen. Flächendeckend. Nicht nur da, wo es brennt. Angebote für alle schaffen.
Wenn ich das möchte, ist meine Beschäftigung mit dem Thema Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg in Deutschland nach dem Schulabschluss vorbei. Also oft schon mit 16! Danach bin ich auf meinen eigenen Kopf, auf das angewiesen, was ich gelernt habe oder auch nicht. Bin ein oft allzu leichtes Opfer für Verschwörungstheorien und mache mich angreifbar für „alternative Meinungen“. Dann ist es oft schwer, aus diesem Gedankenkonstrukt wieder herauszukommen. Wenn ich das denn überhaupt möchte. Vielleicht ist es ja auch schön bequem.
Wir sind jedenfalls froh über jeden, der kommt, zuhört, Fragen stellt!, mitgestaltet, Impulse gibt und dranbleibt.
Also kommen wir wieder zurück auf die Frage vom Anfang: Gibt es ein Recht darauf, sich nicht erinnern zu müssen?
Der Versuch einer Antwort ist wie so oft schwierig. Man könnte nun das Recht auf freie Meinung anführen, auf die Vorstellung hinweisen, dass ein Staat seinen Bürgern Themen aufzwingt. Das kennt man aus autoritären Regimen. Nordkorea etwa, wo man gezwungen wird, sich mit der Familie Kim zu beschäftigen. Aber ist das das Gleiche? Zu welchem Zweck, mit welcher Absicht geschieht das Eine, geschieht das Andere?
Dient die durch Fachanforderungen, Förderprogramme oder Gedenktage staatlich verordnete oder geförderte Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus dazu, das gegenwärtige System zu verherrlichen? Oder dient sie dazu, über das vergangene System aufzuklären?
Wer sich mit dem Nationalsozialismus beschäftigt, erkennt sehr schnell, was für ein verabscheuungswürdiges System er war (und ist). Das erkennt man, wenn man die Fakten kennt, wenn man weiß, wie die Progpaganda funktionierte, welches Menschenbild vertreten wurde, welcher ideologische Hintergrund gelegt worden war, welche Taten in seinem Namen und von seinen Vertretern begangen worden sind.
Erst wer die Fakten kennt, kann sich eine versierte Meinung bilden.
Der Nationalsozialismus ist und bleibt ein prägendes Kapitel deutscher Geschichte mit gewaltigen Auswirkungen auf die ganze Welt, auf Gesellschaften, auf Generationen – immer noch und das bleibt so. Und in Sätzen wie „Aber es war ja nicht alles schlecht!“ lebt er fort.
Das lässt sich nicht wegdiskutieren oder wegschieben. Auch wenn jeder von uns das manchmal gerne möchte. Und man sollte es auch nicht als Strafe für die folgenden Generationen betrachten. Denn das schwingt ja immer mit, wenn Menschen wie in der Studie einen „Schlussstrich“ fordern. „Wir haben doch genug gesühnt!“ „Was haben wir heute mit den Taten der Menschen von vor 100 Jahren zu tun?“
Meine Antwort: Einiges. Angefangen mit der nicht oder wenig stattgefundenen Entnazifizierung über Unternehmen und Politikerdynastien, die seit damals ununterbrochen weitermachen, bis zu Strukturen in Denkweisen, die in vielen Regionen – in Ost und West! – bis heute weiterleben. Das lässt sich nicht wegschieben und das prägt unsere Gesellschaft und unsere Politik bis heute. Und vielleicht ist das auch ein Aspekt, der die Spaltung nicht nur in der Studie, sondern auch in der gesamten Gesellschaft weiter vorantreibt.
Aus schrecklichen, traurigen und deprimierenden Themen etwas Neues, Positives, Sinnvolles, Wertvolles, ein besseres Miteinander zu erschaffen – dafür brauchen wir die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus. Und das ist es auch, was die wenigen Zeitzeugen meinen, wenn sie uns aufrufen, nicht zu vergessen!
– Lea Märtens
Quelle: https://www.stiftung-evz.de/assets/1_Was_wir_f%C3%B6rdern/Bilden/Bilden_fuer_lebendiges_Erinnern/MEMO_Studie/evz_gedenkanstoss_memo_2025.pdf