Das waren keine Helden! oder Wie meine Familie den Volkstrauertag sieht

Gedanken zur Erinnerungskultur

Am Volkstrauertag 2024 haben wir in meiner Familie erstmals – soweit ich mich erinnern kann – darüber nachgedacht, was dieser Tag für uns bedeutet.
Meine Mutter zitierte meinen Großvater, der zu seinen Kindern gesagt hatte: „Das waren keine Helden.“ Den Gedenktag hat meine Familie nie begangen, sie haben nicht an Gedenkmärschen oder -feiern teilgenommen und auch ich habe in meiner Kindheit keinen Bezug dazu vermittelt bekommen. Für mich war das ein Tag, den ich in den Nachrichten kennengelernt habe, irgendwann zwischen acht oder zehn Jahren und den ich damals auch nicht hinterfragt habe. Nun, dreißig Jahre später, Krieg wird immer präsenter und die Teilnahmen am Volkstrauertag weniger – ich beschäftige mich inzwischen beruflich viel mit Erinnerungskultur und Demokratiebildung – versuche ich zu erfassen, was der Volkstrauertag eigentlich ist, bewirkt, soll…

Zurück zu Bruno, meinem Großvater.
Bruno ist in Pommern geboren, 1923. Mitten in einer Zeit, die geprägt war von den ersten Versuchen einer deutschen Demokratie, dem Zurücklassen der vermeintlich sicheren Zeit, als es noch den Kaiser gab und einer drohenden weltweiten Wirtschaftskrise.
Als er zwei Jahre alt war, ließen ihn Vater und Mutter mit zwei älteren Geschwistern allein zu Hause, damit sie zusätzlich zur Arbeit auf dem Gut sich bei umliegenden Bauern etwas für den Lebensunterhalt der Familie dazu verdienen konnten.
Es war eine Zeit von Inflation, drohender Armut und mittendrin begann Deutschland den Militarismus wiederzuentdecken. Wieder? Oder war er nie fort? Es bildeten sich Kriegervereine, auch in dem kleinen pommerschen Dorf und dort trafen sich die Veteranen des Ersten Weltkrieges, Lehrer, Gutsbesitzer, Bauern und posierten mit Pickelhaube und Gewehr.

In dieser Welt wuchsen Bruno und seine Geschwister auf. In der Schule schwappte der Militarismus dann auch auf sie über: strammstehen, Daten von Siegen und Kaisern wissen und das seit dem Mittelalter, ein glorreiches Deutschland! Die Kinder spielten Krieg in der Pause und am Nachmittag. Dann kamen die Nazis. Plötzlich sollten alle Jungen in ihrer Freizeit bei der Hitlerjugend mitmachen. Ein Verein, der meinem Urgroßvater so gar nicht zusagte, so wie alles, was politisch braun war. Er weigerte sich, seine Jungs hinzuschicken und wies beharrlich nachfragende Möchtegern-Sturmbannführer barsch ab. In diese Zeit fällt auch die Entstehung des „Heldengedenktages“, der Vorgänger unseres Volkstrauertages und der Nachfolger des 1925 eingerichteten Volkstrauertages Nummer eins. Viele Gedenksteine mit den Zahlen des Ersten Weltkrieges und die Namenslisten der Gefallenen wurden in Dritten Reich aufgestellt. Alle Zeichen standen auf Konflikt und dazu gehörte auch, die Bevölkerung darauf vorzubereiten. Hier auf der emotionalen Ebene.
Wenige Jahre später begann der Zweite Weltkrieg. 1943 musste auch Bruno an die Front. Er meldete sich freiwillig für die Infanterie, obwohl er gut reiten konnte, denn er befürchtete, sich mit einem Pferd immer zuerst um das Tier kümmern zu müssen. Er überlebte – zwei seiner Brüder nicht, der jüngere war gerade 18. Vier Jahre russische Gefangenschaft folgten. Da war er gerade in seinen Zwanzigern. Danach kam er nach Lübeck, fernab von seiner Heimat in ein völlig anderes Deutschland. Lagerleben, sein erstes Kind wurde geboren, er arbeitete nun auf dem Bau – viele Wohnungen mussten gebaut werden, denn die Städte waren nicht nur zerstört, Schleswig-Holstein hatte nun auch doppelt so viele Menschen, die einen Platz brauchten.
Und aus dem Heldengedenktag war der Volkstrauertag geworden, nun ab 1952 immer am vorletzten Sonntag vor dem ersten Advent begangen. Gedacht wurde vor denselben Steinen, mit denselben Inschriften, mit denselben Namen toter Soldaten, mit demselben Lied vom „guten Kameraden“ (1825): alles wieder militaristisch. Warum sollte er in diesem Tag etwas anderes sehen, als das, was dieser Tag in seiner Kindheit und Jugend war?

Und nun Brunos Satz, mit dem er seine Abneigung gegen den Volkstrauertag ausdrückte: „Das waren keine Helden“.

Damit war das Thema erledigt. Ich kann mich an Nachmittage, meist in der kalten Jahreszeit, erinnern, meine Schwester und ich waren bei unseren Großeltern, die gegenüber wohnten, und hörten Geschichten von früher. Denn uns haben sie beide viel erzählt. Ein besonderer Schatz waren die Fotoalben, die beide Familien aus ihrer Heimat durch die Vertreibung nach Lübeck gerettet hatten. Wir Kinder betrachteten sie oft gemeinsam mit Oma und Opa und lauschten den Geschichten, die die beiden zu jedem Bild erzählen konnten. So lernten wir Menschen kennen, die wir nie gekannt haben. Wir lernten das Dorfleben der 20er und 30er Jahre kennen. Alltag, Schule, Freizeit, den Jahresrhythmus mit Aussaat, Ernte und Viehzucht, das Familienleben, das so anderes war als unseres und dadurch so spannend. Auch der Krieg wurde nicht ausgespart. Vielleicht waren die beiden auch froh, darüber zu reden, weil sie es nicht gekonnt hatten, mit ihren Kindern darüber zu sprechen. Wir erfuhren von Brunos Zeit in der kurzen Ausbildung vor der Front, auch Geschichten von der Front erzählte er uns. Dora, meine Oma, war besonders vom Krieg betroffen: sie heiratete Brunos älteren Bruder Willi, eine Kriegsheirat 1943. Der Tod von Willi sollte sie niemals loslassen, auch das bekamen wir hautnah zu spüren. Heute frage ich mich manchmal, wie Bruno sich dabei gefühlt hat, wie er damit umging, dass seine Schwägerin, dann seine Ehefrau, Zeit ihres Lebens seinen Bruder vermisste. Dieses Spannungsfeld war mir schon als Kind aufgefallen, ich wagte nur nicht nachzufragen, spürte nur die Traurigkeit.

„Das waren keine Helden.“ Das habe ich schon mit sechs verstanden. Wie denn auch? Sie sind ja nicht freiwillig in den Krieg gezogen, um ihr Land, ihre Familien zu schützen, wie man es auch heute gerne sagt, wenn es um den Wehrdienst geht. Sie hatten buchstäblich keine Wahl.
Und egal, ob es ein Kaiser ist, ein Diktator oder auch eine Regierung wie die unsere, ich fand schon mit acht, als ich diesen Erzählungen lauschte, dass es falsch ist, so zu denken. Denn: „Das waren keine Helden.“ Ein Held ist etwas anderes.
Das hat meine Familie und mich geprägt und daher kennen wir den Volkstrauertag nur aus den Nachrichten. Und ich glaube, das ist gut so. Denn Gedenken an Opfer und Tote durch Gewalt und Krieg ist zu persönlich, als dass ein Staat dafür ein starres Gerüst wie dieses geben kann. Er darf, das will ich hier nicht bestreiten, und für manch einen mag es auch das „richtige“, das „passende“ Gedenken sein. Für manche aber nicht.
Ich finde es generell schwierig, auf so einem persönlichen und individuellen Erlebnis einen Gedenktag für ein Land aufzubauen, denn wozu sind Gedenktage da? Ganz zentral, um ein Wir-Gefühl zu schaffen. Und so, wie der Volkstrauertag begangen wird, welche Hintergründe immer noch präsent sind, wie unterschiedlich die Ausprägung ist, kann kein Wir-Gefühl geschaffen werden. Weder erinnerungskulturell noch politisch sind wir da auf einem Nenner. Und solange das so bleibt, werde ich auch weiterhin den Volkstrauertag nur aus den Nachrichten kennen. Was eigentlich schade ist, denn er bietet unheimlich viel Potential für eine gemeinsame Basis, für einen demokratischen, toleranten, wertschätzenden Umgang miteinander. Ich wünsche mir, dass in Zukunft mehr Menschen mutig sind, denn das sind ja schon einige und erfinden diesen Tag neu. Und vielleicht wird es dann auch mehr Menschen geben, die sich Bruno anschließen und sagen: „Das waren keine Helden“.

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