Wenn wir den Frieden in unserer Zeit sichern wollen, muß das deutsche Volk vergessen lernen, was ihm beigebracht worden ist, nicht nur von Hitler, sondern während der letzten hundert Jahre von dessen Vorgängern, von so vielen seiner Philosophen und Lehrer, den Anhängern von Blut und Eisen.

Außenminister Anthony Eden am 29. Juli 1941

 

Wie demokratisieren wir eine Gesellschaft?

Bereits mitten im Krieg machten sich in Großbritannien verschiedene Gremien darüber Gedanken, was nach einer Kapitulation politisch und kulturell mit den Deutschen geschehen solle.

Man setzte dabei auf die Integration der deutschen Bevölkerung in das Werte-, Kultur- und letztlich auch Wirtschaftssystem Europas, das auf die Teilnahme Deutschlands angewiesen war, wie die Aussage vom Foreign Office 1943 zeigt: ... die einzige Politik, die vor der Zukunft bestehen kann, ist diejenige, die – unter Beachtung aller Vorsicht – letztlich auf die Wiederzulassung eines reformierten Deutschlands zum Leben Europas abzielt.

Doch wie bringt man einer Bevölkerung Demokratie bei, die frisch aus einer faschistischen Diktatur kommt, deren Erfahrung mit Weimar, der ersten Demokratie, die je in Deutschland stattfand, völlig durchwachsen war?

Auf der Ebene der Werte und des Verhältnisses zwischen Staat und Bürger stand zentral das Verständnis in den Deutschen dafür zu wecken und es zu verinnerlichen, dass jede und jeder von ihnen ein verantwortungsbewusster Bürger, eine Bürgerin sei, und nicht, wie in den Jahren zuvor, bloß gehorsame Untertanen.

Bei all diesen ideologischen Aspekten standen jedoch zuvor rein praktische Erwägungen im Vordergrund:

das Land war zuerst zu entmilitarisieren und dann war zu überlegen, wer für den Aufbau neuer politischer Strukturen geeignet wäre.

Dabei gingen die Briten in ihrer Zone deutlich strenger vor als etwa die Amerikaner in der ihrigen.

Politische Gruppen, etwa aus dem Widerstand, sowie Politiker, die ins Exil gegangen waren, erhielten keinerlei Erlaubnis, sich an der Politik der Militärverwaltung zu beteiligen. Allein hieraus sollte sich in Bälde ein drastisches Fachkräfteproblem entspinnen.

Im Oktober 1944, also noch vor Kriegsende und vor der Aufteilung in Besatzungszonen, wurde ein Handbuch vorgelegt, in dem die Briten Leitlinien für die Besatzungspolitik formulierten. Interessanterweise wurden diese nicht mit den anderen Alliierten abgestimmt.

Darin heißt es u.a.:

a) Völlige Entwaffnung und Zerstörung des deutschen Kriegspotentials.

b) Das deutsche Volk zu überzeugen, dass es eine totale militärische Niederlage erlitten habe, um die Legende von der Unbesiegbarkeit der deutschen Wehrmacht und den Glauben an den Nutzen von Aggressionen zu zerstören.

c) Die NS-Partei und -Doktrin zu vernichten.

d) Überleben und Untergrundaktivitäten von Militarismus und Nationalismus zu verhindern.

e) Die Grundlagen für den Rechtsstaat und eine Einbeziehung Deutschlands in die internationale Kooperation zu schaffen.

f) Unter den Deutschen ein individuelles und kollektives Verantwortungsbewusstsein zu wecken.

Dazu kam die „reeducation“, also die Übertragung der Bildungsziele auf das Schulsystem. Trotz Entnazifizierung sollten Schulen und Hochschulen geöffnet bleiben. Speziell die Fächer Geschichte, Biologie, aber auch Deutsch waren durch die NS-Ideologie verseucht worden und wurden daher sofort entfernt. Das Problem war, neue Schulbücher bereitzustellen. Man behalf sich mit Büchern aus der Zeit vor 1933 bis neues Material vorhanden war. Nicht nur Bücher, auch Lehrer:innen mussten entfernt werden. Sie wurden in die Kategorien Schwarz (Nazi), Grau (Mitläufer) und Weiß (Unbelastete) eingeteilt und für die britische Zone lässt sich feststellen, dass trotz des hohen bürokratischen Aufwandes und des Frustes, der damit einherging, bis September 1946 156 000 Deutsche, davon 25 000 Lehrer auf Dauer oder vorübergehend (!) aus ihren Ämtern entfernt wurden.

Spannend ist in solch einem Zusammenhang ja nicht allein die Vorgabe, sondern vielmehr die Umsetzung und das Fruchten der Maßnahmen.

Waren also die in der Direktive von 1944 gestellten Vorgaben erfolgreich, konnten sie ohne Probleme im Reallife umgesetzt werden?

Die Antwort ist wie so oft: Bedingt.

Es gab natürlich Hindernisse und Probleme, die sogar dazu führten, dass man gerade von der Demokratiebildung als großen Aspekt abrückte und sich in erster Linie den existenzielleren Schwierigkeiten wie der Versorgung zuwandte, was ja auch allzu nachvollziehbar ist, denn Verhungerten braucht man nichts mehr beibringen. Der Diplomat John Troutbeck kommentiert das so: Demokratie, wie sie im Westen verstanden wird, kann nicht auf Hunger aufgebaut werden.

Auch das strikte Fraternisierungsverbot, das die Amerikaner deutlich lockerer handhabten, trug nicht dazu bei, dass die deutsche Bevölkerung der Besatzungsmacht gnädiger gegenüberstand. Zusätzlich gab es auch Übergriffe seitens der Briten.

All dies führte schließlich dazu, dass auf der britischen Agenda im Herbst 1946 nur noch drei Hauptaspekte standen:

1. Die Welt solle vor jeder deutschen Wendung zur Diktatur und zur aggressiven Politik geschützt werden.

2. Schaffung ökonomischer Bedingungen, die Deutschland befähigten, den Nachbarn in Frieden mit seiner Wirtschaft zu dienen.

3. Schaffung verfassungsmäßiger Voraussetzungen, die das deutsche Volk zu akzeptieren vermöge.

Das Wort Umerziehung taucht nicht mehr auf, auch geht es eher um die Beziehung zu den Nachbarn als um die inneren Verhältnisse (abgesehen vom letzten Punkt).

Warum gab es dann aber diese Lesehallen?

Nun ja, der Abkürzung BIC stand ich am Anfang auch ganz verwundert gegenüber.

Dahinter verbirgt sich der Begriff British Information Center.

Also dem Wort nach ein Ort, an dem Informationen bereitliegen. Aber für wen? Für die Briten selbst, damit die hier stationierten Soldaten über die Weltpolitik und die Geschehnisse in ihrem eigenen Land in englischer Sprache up to date bleiben konnten? Oder waren die BICs Teil des Demokratiebildungsprogrammes für die deutsche Bevölkerung?

Diesen Fragen sind wir nachgegangen und stellten fest, dass es in Lübeck selbst bisher kaum Forschung zu dem Thema gibt. Ein erster Besuch im Stadtarchiv und eine Aktenbestellung à la Diese-Akte-klingt-spannend beförderte Liebesbriefe britischer Mädels zu Tage oder den Speiseplan in der britischen Unterkunft aus dem Sommer 1945.

Nur leider nichts über die Lesehalle in der Breiten Straße. Bisher. Wir sind weiter dran.

Also doch erstmal im Internet schauen. Was sind BICs, wo gab es sie? Wie lange existierten sie?

Unter Anderem wurden wir in Bonn fündig. Unten findet ihr eine Linksammlung zu dem Thema und das sind auch gleichzeitig unsere Quellen.

Bevor wir einsteigen, noch eine Abkürzung, die uns in der Quelle begegnet: DCRE

Das DCRE errichte die Nissenhütte, heißt es dort.

Deputy Commander Royal Engineers sind es und sie waren hohe Pionier- bzw. Baubehördenoffiziere der britischen Armee. Zuständig für Behelfsbauten, Militärlager, Kultur- und Verwaltungsgebäude und für Nissenhütten.

So, das wäre geklärt. Also weiter im Text:

British Information Center entstehen ab März 1946 in Städten ab 50.000 Einwohnern in der ganzen britischen Zone. Das passt schon mal zu unserem Quellenschnipsel aus Lübeck: er ist datiert auf den 9. Mai 1946.

Bei der Eröffnung des ersten Centers in Berlin (brit. Sektor) wird über den Namen „Die Brücke“ auch das Ziel der Institutionen deutlich:

For the whole of this organisation the British authorities have chosen the name ‚Die Brücke‘. A title which in itself explains the object of the organisation. At this end of the Brücke stands the German population. At the other stands the great world, which Germany has been cut off for so long.

Für die Gesamtheit dieser Organisation wählten die britischen Behörden den Namen „Die Brücke“. Ein Titel, der aus sich selbst den Zweck der Organisation erklärt. An diesem Ende der Brücke steht die deutsche Bevölkerung. An der anderen Seite steht die große weite Welt, von der Deutschland so lange abgeschnitten war.

Auch heute verwendet man gerne den Begriff Brücke etwa um über das Erlernen einer Sprache die Verbindung zwischen unterschiedlichen Ländern und Kulturen zu ermöglichen und zu festigen.

Also ein hehres und löbliches Ziel, das die Briten hier verfolgen.

Doch was passierte konkret in solchen Zentren?

Über Lübeck speziell haben wir noch nichts gefunden, aber es gibt Aufarbeitung etwa aus Hamburg und Bonn:

Infomaterial stand dort zur Verfügung, in Englisch und Deutsch. Die Themen waren breit gestreut: Wirtschaft und Politik, aber auch Darstellung gesellschaftlicher Probleme im In- und Ausland. Schriften über Deutschland aus englischer Sichtweise, Artikel über andere Länder aus England. Deutsche Emigranten kamen zu Wort, die Judenfrage war ein großes Thema. Und es gab englische und deutsche Zeitungen und Zeitschriften. Objektiv sollte es sein, mit möglichst großer Meinungsvielfalt. Dabei beachtete man auch den Aspekt der Wirklichkeit in den Städten: Viel Zerstörung, die Unterkünfte meist unverhältnismäßig, kalt, feucht. Da kam ein gut geheizter Raum mit bequemen Sitzmöglichkeiten gerade recht.

Doch Lesezimmer, wie es in der Quelle heißt, weist zu kurz:

Austausch zwischen den Kulturen, gemeinsames Lernen war ein großer Teil. Ob und wieweit das hier in Lübeck in unserer immerhin 160qm großen Nissenhütte an der Stelle, wo heute wieder das Marzipan residiert auch so war, bleibt vorerst noch im Dunkeln.

Fakt ist, es gab mehrere Kategorien von BICs:

A: Leseraum, Bücherei, ein Raum für „Weltnachrichten“, einer für „Nachrichten aus Deutschland“, einer zum „Way of Life“ in Großbritannien und den Dominions (Hohheitsgebiete und Kolonien), mindestens ein Ausstellungsraum und ein Filmstudio

B: hat keine Bücherei, keine Ausstellungsräume und kein Kino

C: es gibt nur den Leseraum

Da es auch wegen der Zerstörungen schwierig war, solche gut ausgebauten Zentren zu errichten, gab es A nur in Berlin und Hamburg bis Herbst 1946.

Für Lübeck heißt das vermutlich Kategorie C, besonders wenn man bedenkt, dass der Leseraum 1948 wieder aufgegeben wurde. (Die Akte enthielt außer dem hier gezeigten Schnipsel nämlich auch einige weitere, in denen es hieß, die Lesehütte werde nun an andere Institutionen vermieten, u.a. an die Kieler Nachrichten! Aber das wäre eine weitere Geschichte…)

In Bonn wurde „Die Brücke“ erst im August 1947 eröffnet, wurde dann aber sehr erfolgreich: neben Bibliothek, Zeitungssaal, Eventlocation gab es auch eine Volkshochschule. Manchmal sollen sogar 20.000 Menschen im Monat dort zu Gast gewesen sein. Und auch ihre Nachwirkungen lassen sich mitunter bis heute finden:

So hat die Westfälische Wilhelms-Universität in Münster ihr Internationales Zentrum auf einer solchen „Brücke“ aufgebaut:

Anfangs war der Übergang von britischer „Brücke“ hin zu universitärem „Internationalem Zentrum – Die Brücke“ fließend. Teatime, Heimatabende, English Discussion Group, Filmabende und eine umfassende Sozialberatung machten den Ort schnell zur zweiten Heimat der ausländischen Studierenden und brachten den Münsteranern die weite Welt in die Nissenhütten auf dem Hindenburgplatz.

Bei allen diesen positiven Berichten zu den BICs sollte man aber auch nicht vergessen, dass solche Informationsräume auch dazu gedient haben, den britischen Einfluss in der Besatzungszone zu stärken. Eine politische Agenda, mitunter auch propagandistisch gefärbt, ist automatisch Teil einer solchen Maßnahme. Damals wie heute, wo es auch in den deutschen Camps in Afghanistan ähnliche Center gab.

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