Erinnerungskultur auf dem Weihnachtsmarkt

Muzen, Tannen, der Geruch von gebrannten Mandeln, Lichter, kleine Holzhäuser mit Figuren darin. Der Zwergenwald von Bad Schwartau ist zur Adventszeit ein hervorragender Ort um in weihnachtliche Stimmung zu geraten. In den letzten Jahren sind immer mehr Zwerge dazugekommen, fast jedes Handwerk ist vertreten: es gibt die Korbmacher, Töpfer, Marmeladenkocher, ein Sägewerk (nicht das aus Segeberg 😉 mit Grüßen an Frank), eine Bäckerei, die Apotheke und natürlich auch ein Bergwerk – das der Zwerge ureigenste Profession repräsentiert. Auch Spaß haben die kleinen Gesellen reichlich: ob im Gasthaus bei Speis und Tanz oder bei der königlichen Hochzeit – wobei sich eine aus dem Reigen über irgendetwas zu beschweren scheint.

Doch beim Betrachten der Zwerge ist uns schon vor Jahren aufgefallen: einige heben den Arm auf zweifelhafte Art.

Für diejenigen, die den Zwergenwald nicht kennen: die Zwerge sind mechanisch: an Strippen ähnlich Marionetten hängend werden sie durch einen Motor (von Scheibenwischern entnommen) bewegt, der auslöst, wenn man sich dem Haus nährt. Dabei gibt es nicht viele Arten, die Gliedmaßen sich bewegen zu lassen und eine davon ist eben, dass Arme nach oben gezogen werden.

Nun kann dabei allerdings bei einigen Figuren der Eindruck entstehen, sie würden den Arm zu einem bestimmten Gruß heben, der dem der Nationalsozialisten ähnlich sieht.

Erster Impuls: Lachen, Handy raus, Foto oder sogar Video machen, bei Social Media posten.

Zweiter Impuls: darüber nachdenken.

Das will ich nun hier tun.

Es stellen sich einige Fragen: Warum fallen uns oder einigen von uns solche Ähnlichkeiten, die sicher nicht beabsichtigt sind, immer wieder auf?

Sind wir darauf geprägt, so etwas überall zu sehen? Oder anders: Prägt uns die NS-Zeit so sehr? Und wenn ja, was haben wir daraus gemacht, was machen wir jetzt daraus?

Auch wenn der Weihnachtsmarkt sicher nicht der Ort ist, an dem man an die Zeit des Nationalsozialismus erinnert werden will und die Künstler des Zwergenwaldes vermutlich keine Assoziationen im Sinn gehabt haben, sollte man an dieser Stelle weiterdenken:

Und hier kommt der Kern: was machen wir mit dieser Entdeckung? Bleibt es beim Sich-Darüber-Lustigmachen? Oder können wir das Ganze einordnen, folgt daraus eine Erkenntnis?

Die Zwerge sollen hier nur ein Beispiel sein dafür, wie wir mit dem Thema umgehen.

Die satirischen Vergleiche mit Nazigrößen, die Memes, die (mal mehr mal weniger lustigen) Sprüche, die alle möglichen Leute fallen lassen. Und dann auf der anderen Seite: die immer stärker werdende Meinungsmache von rechts, die den Nationalsozialismus verharmlost, ein falsches Geschichtsbild kreiert, das zur Parteilegitimation benutzt wird, die Shoa mitunter sogar leugnet. Und die Menschen, die auch Vergleiche mit Nazigrößen ziehen, die auch Memes posten, die auch Sprüche bringen, nur, dass sie das völlig ernst und positiv meinen.

Braucht es da auf der anderen, der demokratischen Seite nicht mehr als sich über grüßende Zwerge lustig zu machen? Wenn uns das schon auffällt, sind wir dann nicht auch in der Lage, uns zu positionieren im Diskurs, die Zwerge weiterzudenken?

Ja, auch wir, die gegen rechtes Gedankengut sind (wobei „Gut“ hier echt das falsche Wort ist), haben auf dem Weihnachtsmarkt anderes im Sinn als uns über erinnerungskulturelle Fragen Gedanken zu machen. Doch gerade in einer Zeit wie dieser, wo Weihnachtsmärkte wegen Drohungen abgesagt werden – ganz egal, wie man diesen Schritt bewertet – sollten wir uns wirklich überlegen, ob wir auf der Stufe des Sich-Darüber-Lustigmachens bleiben wollen, bleiben können.

Dazu habe ich Torben drei Fragen gestellt.

Siehst du es kritisch, dass einige Zwerge im Schwartauer Zwergenwald so aussehen, als ob sie den Hitlergruß machten?

Nö. „So aussehen als ob“ und es tatsächlich tun, das sind doch zwei sehr unterschiedliche Dinge. Context is king.

Findest du es ok, wenn man sich darüber lustig macht?

Ok? Notwendig! Man muss nur schauen, wie. Es ist halt ein Unterschied, ob man es so macht, wie es viele in der Schwartauer Fußgängerzone tun und kurz seinen Vertrauten eine Nachricht schreibt „Guck mal, das haben die aber ungeschickt gemacht“ oder ob man im Stile eines Oliver Pocher es zum Thema eines ganzen Comedyprogrammes macht, dabei noch kräftig über marginalisierte Gruppen herzieht und möglichst „edgy“ (grenzwertig) ist. Humor sollte ein Mittel der Kritik an den Mächtigen sein, kein Mittel um Menschen, die ihr Herzblut in einige bunte Weihnachtswichtel stecken, lächerlich zu machen. 

Aussagen wie :“Meise geht zu Meise, Fink zu Fink, der Storch zur Störchin, Feldmaus zu Feldmaus, Hausmaus zu Hausmaus, Wolf zu Wolf usw. usw. usw.“ sind nichts als ein schlechter Scherz und man sollte sie auch als als solches benennen. Das ganze dritte Reich war in all seiner Schrecklichkeit auch immer und immer wieder beeindruckend lächerlich. Und das im Hinterkopf zu behalten, ist zumindest deutlich besser, als einen österreichischen Maler mit einer großen Portion Dreistigkeit und einem gewissen rhetorischen Talent stets als das ultimative, einzigartige, ehrfurchtsgebietende Böse dazustellen. 

Also ja, man kann sich über Zwerge, die den Arm heben, lustig machen. Mit gutem Willen, freundschaftlich und ohne Ehrerbietung gegenüber dem, worüber mach sich eigentlich lustig macht.

Wie sollte man damit umgehen?

Der kritische Blick sollte gewahrt bleiben. Ist es ein Versehen, etwas, das offensichtlich nicht beabsichtigt ist, keine sogeannte Dogwhistle?* Oder ist es tatsächlich eine Dogwhistle oder, vielleicht sogar offene, Provokation und ein Ausdruck einer Meinung. Aber wenn solche Dinge nicht als Absicht erkennbar sind, wenn es sogar eher das Gegenteil zu sein scheint, dann kann man sich mal ein wenig ärgern, dass man so tief in diese Themen hinein gestoßen worden ist, dass ein so kritischer Blick überhaupt von ganz alleine geschieht, aber ansonsten ist ein kurzes Schmunzelnz sicher nicht tragisch. Humor kann immerhin als die Inkongruenz zwischen Konzept und realem Objekt gesehen werden wie viel größer könnte die Inkongruenz sein, als in diesem Fall?

Und wenn doch mehr dahinter zu stehen scheint? Dann kann man fragen, nachhaken, selber recherchieren. Erst einmal ohne Anklage, erst einmal Wissen sammeln. Und wenn man Ende steht, dass da tatsächlich mehr ist? Dann macht man den Mund auf, dann spricht man das Problem an, dann organisiert man sich. Was man aber niemals tun sollte, ist einfach zu schweigen und es hin zu nehmen.

*Dogwhistle – eine politische Aussage, die je nach Empfänger unterschiedlich verstanden wird. Aktuelle Beispiele sind „Souveränität“, „Globalisten“ oder „Goldstück“

In diesem Sinne wünschen wir euch allen ein besinnliches Weihnachtsfest, ruhige Tage ohne Aufregung und einen guten Rutsch und freuen uns schon auf das nächste Jahr, welches einige spannende Aktionen und Projekte bereithält.

Lea, Torben und Joe und Yunus

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