Was geht bei Kant ab? Oder: Warum Quellenanalyse?

„Was geht denn bei ihm ab?“ das war am 17.7. mein Gedanke, als mir das neue Zitat des Monats für unsere Hauptseite unter die Augen kam. „Wer sich aber zum Wurm macht, kann nachher nicht klagen, dass er mit Füßen getreten wird.“

Natürlich endete es da nicht aber dass mir gerade dieser Gedanke durch den Kopf schoss, das ist doch eigentlich in höchstem Maße interessant. Denn wir reden von einem Zitat von Immanuel Kant.

Warum macht diese Urheberschaft meinen spontanen ersten Gedanken so interessant?

Ich habe ein Studium der Philosophie begonnen und abgebrochen. Kant war sicher nicht der Grund dafür, seine Schriften haben mir immer sehr viel Spaß gemacht. Wer könnte an (Ab-)Sätzen keinen Spaß haben wie:

„In seinen Werken über den „Einfluß der Wissenschaften“ und über die „Ungleichheit der Menschen“ zeigt Rousseau sehr korrekt den unausweichlichen Widerspruch zwischen der Zivilisation und der Natur des menschlichen Geschlechts, soweit physischer Art, wo jedes Individuum seine Bestimmung vollständig realisieren muss; aber in seinem „Emile“, in seinem „Gesellschaftsvertrag“, und in anderen Werken, versucht er, ein noch viel komplizierteres Problem zu lösen, nämlich jenes, zu wissen wie die Zivilisation fortschreiten muss, um die Fähigkeiten der Menschheit, soweit moralischer Art, zu entwickeln, entsprechend ihrer Bestimmtheit, dass sich der eine dem anderen nicht mehr gewalttätig widersetzt, begriffen als natürliche Gattung. “

Ich bin mit den Schriften des Königsberger Schachtelsatzkönigs zwar nicht im Ganzen vertraut, die Wichtigen habe ich aber gelesen. Und gerade deshalb ist dieser erste Gedanke so interessant!

Den meisten Menschen schwebt von Kant ein diffuses Bild als Moralist im Kopf herum. Irgendwas mit Ethik, man soll so handeln, dass es Gesetz sein könnte oder so. Das muss ein echt moralischer Mensch gewesen sein, jemand, von dem man nur Gutes und Richtiges erwarten kann. Ich selber weiß über den Unterschied zwischen Pflicht- und Tugendethik Bescheid. Und dennoch, als mir der Satz „Wer sich aber zum Wurm macht, kann nachher nicht klagen, dass er mit Füßen getreten wird.“ entgegen sprang, stutzte ich erst einmal.

Das ganze Zitat auseinander zu nehmen, es zu erklären und zu durchdringen, dabei gleich das Theoriegebäude der Metaphysik der Sitten zu erläutern, das wäre Thema für einen eigenen Philosophieblog oder gleich einen Aufsatz in einem Fachmagazin, so weit will ich hier nicht gehen. Es geht mir nämlich um etwas ganz anderes: was für ein Bild hatte ich zu Kant eigentlich in meinem Kopf und warum?

Das Zitat vermittelt ein kaltes, beinahe sozialdarwinistisches Bild. Einen solchen Satz könnte man heute, vermutlich etwas weniger eloquent formuliert, bei Menschen wie Julian Reichelt oder Leonard Jäger finden. Wir kennen solche Sätze von Menschen und Parteien aus dem rechtsextremen Um- und Vorfeld zur Genüge. In einem ersten gedanklichen Impuls tut sich da eine kognitive Dissonanz zum Erfinder des Kategorischen Imperativs auf.

Aber ich kenne Kants Schriften. Ich weiß von seinem Rassismus, seiner eiskalten und teils herzlosen Pflichtethik. Ich weiß, dass dieser Satz hervorragend in Kants Werk hinein passt. Und dennoch war mein erster Impuls Überraschung.

Das zeigt uns, dass das, was wir tatsächlich über Menschen, Firmen oder Ideen wissen und das, was wir über sie denken, zwei verschiedene Dinge sind. Wie hat sich die Presse überrascht und empört gezeigt, als Gerhard Schröder zum Rosneft-Aufsichtsrat wurde, obwohl schon viele Jahre vorher immer und immer wieder über seine engen Verbindungen zu russischen Staatskonzernen berichtet wurde. Wie überrascht und empört über die Teilnahme von Ulrich Vosgerau am Postdamer Treffen 2023, obwohl sein Schlagwort von der Herrschaft des Unrechts doch bereits von 2015 stammte und bereits da breit diskutiert worden ist? Wie überrascht sind die Menschen heute noch, wenn sie von der Verbindung der Schwarzgeldaffäre 1999 und Kinder Schokolade erfahren, obwohl Nestlés Nähe zur Regierung bereits damals weit bekannt war?

Aber Schröder war ja der Arbeiterkanzler, Vosgerau ein normaler Konservativer und von Nestlé kommt doch dieses ganze leckere Naschen.

Das Wissen darüber, wie etwas ist, muss nicht unbedingt den Eindruck, den man davon hat, bestimmen. Und das ist eine extrem wichtige Erkenntnis.

Ich will gar nicht über die endlosen Implikationen dieses Gedankens schreiben. Dann würde dieser kleine Blogeintrag einer ganzen Monographie wert sein. Bleiben wir bei der Geschichte.

Ist es denn für unser Geschichtsverständnis wichtig, dass Wissen und Empfinden einander nur bedingt beeinflussen?

Es könnte kaum etwas Wichtigeres geben! Die Empfindungsfalle ist eine, in die Historiker gelegentlich, Museen und Gedenkstätten, aber auch Laien dafür umso häufiger tappen. In Museen, die sich um bestimmte Personen kümmern, findet man immer wieder eine sehr milde Darstellung der Personen. In Vereinschroniken lesen wir von Gründungsmitgliedern, deren Taten herunter gespielt werden und die ja angeblich immer „dagegen“ gewesen waren. Und wer sich tiefer mit den Personen beschäftigt hat, die in Wikiartikeln beschrieben werden, kann oft nur frustriert den Kopf schütteln. Selten habe ich die Worte „Abkehr“ und „Sinneswandel“ so oft gesehen, wie auf Wikipedia. Um beim Beispiel zu bleiben: in verschiedenen Sonderausstellungen zum Alleszermalmer Kant wurde dessen Leben, dessen Philosophie, dessen Aufklärungsbegriff ausführlich diskutiert. Quellen wurden hervorragend angegeben, Aussagen belegt und Darstellungen am Text untermauert. Bis man dann zu den Schattenseiten Kants kam. Sein Rassismus wurde in einem Nebensatz beiseite gefegt, seine Betrachtung des weiblichen Geschlechts ohne Quellenangabe relativiert, sein Antisemitismus schlicht ignoriert.

Dabei lässt sich zu all dem viel sagen. Natürlich war Kant ein Kind seiner Zeit, natürlich bedeutet das Wort „Religion“ bei Kant etwas ganz anderes, als in unserem normalen Sprachgebrauch, natürlich sind einige seiner Aussagen über die weibliche Leidenschaftsgebundenheit (wiederum bedeutet Leidenschaft nicht das, was wir allgemein darunter verstehen) eher Aufhänger für Erörterungen über den Unterschied zwischen Leidenschaften und Affekten sowie deren Verbindung zu unseren Gefühlen. All diese Dinge sind fruchtbare Aufhänger für die Darstellung des Königsbergers, sie werden aber oft extrem stiefmütterlich behandelt. Und warum ist das so?

Sexismus, Antisemitismus, Rassismus, das sind Eigenschaften aus einem bestimmten emotionalen Spektrum. Oder sprechen wir vereinfacht lieber nicht von Spektren, sondern von Schubladen. Die genannten drei Eigenschaften gehören in eine bestimmte Schublade mit der Aufschrift „Mistkerle, mit denen ich nichts zu tun haben will“. Und das gilt zum Glück für die allermeisten von uns.

Ein Immanuel Kant gehört aber in die Schublade mit der Aufschrift „große Denker“ und in die Schublade „Herolde der Moral“. Und die lassen sich auch mit „Vorbilder“ bezeichnen und passen mit der Schublade „Mistkerle, mit denen ich nichts zu tun haben will“ so gar nicht zusammen.

Das Schubladendenken ist es, was uns, die wir historisch tätig sind, immer und immer wieder in die Irre rennen lässt. Fragt einen beliebigen Teenager nach irgendetwas Negativem, was sein Idol getan hat. Ich weiß, dass ich mit 16 nichts auf Lemmy Kilmister hätte kommen lassen, egal wie sehr er sich selber öffentlich und in Vorbildfunktion mit Alkohol und Drogen ruinierte. Hätte ich von seiner Sammelleidenschaft gewusst, hätte ich vermutlich auch das noch in irgendeiner Form relativiert. Denn Lemmy Kilmister lag in der Schublade „cooler Typ“ und auch in der Schublade „hat echt was zu sagen“. Liedtexte wie

If the skies turn into stone

It will matter not at all

For there is no heaven in the sky

Hell does not wait for our downfall

Let the voice of reason shine

Let the pious vanish for all times

God’s face is hidden, all unseen

You can’t ask Him what it all means

kamen gerade in die Zeit, in der ich schon eine grobe Ahnung von Kreuzzügen, Nanking und Srebrenica, Umweltzerstörung, Korruption und Missbrauchsskandalen hatte und begann, mir über Politik und die Welt Gedanken zu machen. Wer die Hoffnungslosigkeit, die wir in meinem Freundeskreis damals alle in Zynismus ertränkten, in solche Worte fassen konnte, der konnte doch nicht in die Schublade „schlechtes Vorbild“ gehören. Oder gar in die Schublade „steht auf Nazikram“. Also wurden seine Eskapaden in unserem Kreis umgedeutet. Alkohol und Drogen braucht er ja, um die Tourneen durchzustehen. Der Arme, ist ja alles so anstrengend. Und Nazimemorabilia sammelt der bestimmt nur, um Nazis zu ärgern, denn was würde einen Nazi schon mehr ärgern, als wenn Lemmy Eva Brauns Aschenbecher hat und nicht er selber. Aus der Schublade „schlechtes Vorbild“ wurde immerhin nicht die Schublade „Drogen sind cool“, aber dennoch eine, die den Konsum akzeptabel machte. (Dass Kilmisters Einstellung zu diesen Dingen wiederum eine ganz andere war, lasse ich hier einmal außen vor.)

„Typisches Teenagerdenken“ mag man jetzt einwenden. Und man hätte in einem gewissen Maß auch recht damit. Aber eben nicht nur.

Das Schubladendenken findet man überall, wo man auch hinsieht. Und es kann gesteuert werden. Wenn sich Politiker bei jeder sich bietenden Gelegenheit als Vorkämpfer für eine bestimmte Gruppe darstellen und die Medien das auch bereitwillig so wiedergeben, dann gehen diese Politiker in unseren Köpfen in die entsprechende Schublade hinein und wenn diese Politiker sich dann selbst die Diäten erhöhen und das Bürgergeld kürzen, dann sind die Menschen überrascht oder sie fangen an zu relativieren. Wenn ein Lemmy auf der Bühne säuft und davon singt, mit Damen käuflicher Zuneigung intim zu werden, dann geht er in die Schublade „grober Rüpel“ hinein und Menschen sind überrascht, wenn sie erfahren, wie gerne er zur Violine singt und Bach hört oder sie fangen an, zu relativieren. Und wenn ein Mann in der Schule als der Ursprung neuzeitlicher Moral gelehrt wird, dann gehört er auch in diese Schublade und man ist überrascht, wenn er so ein ausformuliertes „Du hast’s verdient!“ schreibt. (An dieser Stelle bitte ich Herrn Müller, falls er das hier liest, um Verzeihung. Im Nachhinein erinnere ich mich, dass er das durchaus deutlich differenzierter gelehrt hat.)

Das sind die Denkmuster, die unser menschliches Leben bestimmen. Die Schablonentheorie der Wahrnehmungspsychologie sowie die Theorie des Wahrnehmungsprozesses (Empfinden, Organisieren, Einordnen) erklären, warum wir als Menschen den Löwen im Busch erkennen, den das Zebra übersieht. Und eben, warum es so unheimlich leicht ist, uns einen Löwen im Busch vorzugaukeln, der gar nicht da ist. Terry Pratchett hat es in „Schweinsgalopp“ sehr treffend ausgedrückt: „Die Wahrheit mag da draußen sein, aber die Lügen sind in deinem Kopf“.

Aus diesen Schubladen, diesen Lügen im Kopf auszubrechen, ist nicht immer leicht. Bei „mein Opa war kein Mörder“ mag es unendlich viel schwerer sein als bei „Menschen, die viel fluchen, hören keine klassische Musik“. Es ist aber in jedem Fall eine bewusste Willensanstrengung, denn die Schubladen sind da und unser Kopf öffnet und schließt sie ganz nach Belieben. Vier Holzstangen mit einer Platte oben drauf? Tisch. Vier Ketten von der Decke an denen eine Holzplatte hängt? Hmmm schwierig. Ach es steht eine Vase mit Blumen darauf? Tisch! Und wenn wir die Platte an den Ketten als Bett ansehen wollen, müssen wir uns erst einmal selber davon überzeugen.

Wie kann dieses Überzeugen aussehen?

Im leichtesten Fall reicht es schon, die Fakten zu kennen und sie sich in Erinnerung zu rufen. Im Fall des Königsbergers war meine erste Überraschung nur von sehr kurzer Dauer. Ich weiß ein wenig über ihn und es bedarf nur eines kurzen Nachdenkens, schon ist mir klar, wie gut dieser Satz sich in seine Moralphilosophie einfügt. Innehalten, nachdenken, dann ist es gar nicht so schwer, aus den Schubladen auszubrechen.

Schon schwieriger wird es, wenn wir uns die Fakten erst einmal zusammen suchen müssen. Denn eine menschliche Grundeigenschaft ist die Hybris. „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ klingt so einfach, ist aber eine nicht nur sehr relevante, sondern auch sehr schwierige Erkenntnis. Sich einzugestehen, dass das eigene Wissen Lücken haben könnte, ist der erste Schritt und zugleich der schwierigste. Von da aus kann man anfangen, kann die Lücken überhaupt erst finden und sie dann Stück für Stück füllen. Aber erst einmal müssen wir uns eingestehen, dass es diese Lücken gibt.

Wir können recherchieren. Warum steht da eine Vase auf diesem aufgehängten Brett? Wozu wird es normalerweise genutzt? Wer hat es wann wo aufgehängt? Und warum? Hat die Person sich dazu irgendwann geäußert? Könnten diese Äußerungen gelogen sein? Wer ist die Person, ist sie vielleicht eine Künstlerin, die auf genau diese Fragen aufmerksam machen wollte?

Und ganz unbemerkt sind wir schon aus unseren Schubladen ausgebrochen. Schon das Fragen an sich holt das hängende Brett mit der Blumenvase ein Stück weit aus der Schublade „Tisch“ heraus. Die Antworten tun ihr Übriges. Und wenn wir das nächste Mal eine hängende Platte mit einer Vase drauf sehen, dann… tja, dann gibt es da diese neue Schublade mit der Aufschrift „platzsparendes Bett zum Hochziehen“. Und aus der müssen wir erst einmal wieder ausbrechen.

Bis jetzt habe ich etwas mehr als 1900 Wörter geschrieben. Da stellt sich doch die Frage: Worauf will ich eigentlich hinaus?

Wie immer auf die Arbeit, die wir hier machen. Alles, was ich in diesem Eintrag geschrieben habe, läuft auf eine Tatsache hinaus:

Man darf niemals etwas direkt glauben, man muss jedes einzelne Mal sein Vorwissen und seine Quellen aktivieren und sie auf den Gegenstand oder das Schriftstück, mit dem man gerade arbeitet anwenden. Das ist der Kern der historischen Arbeit.

Man nennt dieses Verfahren die „Quellenanalyse“.

Auch in der Quellenanalyse kann man in die Empfindungsfalle tappen und in Schubladen versinken, aber korrekt durchgeführt wird dieses Risiko deutlich minimiert indem dem Anwender das Vorhandensein der Lücken deutlich vor Augen geführt wird.

Wie geht also eine Quellenanalyse?

Sie beruht auf 3 Schritten: Beschreiben, Einordnen und Beurteilen. Diese Schritte darf man nicht durcheinander kriegen, das Beurteilen ergibt sich aus den vorherigen beiden Punkten. Man muss schön der Reihe nach arbeiten.

Bei der Beschreibung geht es erst einmal (fast) nur um äußere Merkmale. Die Quellengattung, der Entstehungszeitpunkt, die Urheber, Adressaten, Themen, Inhalt, Argumentationsverläufe, dargestellte Personen und so weiter. Und ganz zum Schluss eine Vermutung über die Absicht.

Ein Beispiel:

Bei der Quelle „Lemmy und Kant“ handelt es sich um ein KI-erstelltes Bild. Es entstand am 23.7.2025 und stellt ein fiktives Ereignis dar. Eine Person, die Immanuel Kant kaum ähnlich sieht sowie eine Person, die aus rechtlichen Gründen und wegen der Beschränkung von KI Lemmy Kilmister eigentlich gar nicht ähnlich sieht, reichen sich die Hand und blicken einander dabei in die Augen. Das Bild wurde von Torben Freytag mit dem Bing Image Creator erstellt und richtet sich an die Leser und Leserinnen des Blogs von Ars Discendi. Mit dem Bild wollte Torben ein Beispiel für eine Quellenanalyse anhand einer Bildquelle stark verkürzt darstellen.

Das Ganze ist natürlich stark verkürzt, aber so in etwa kann man sich eine solche Beschreibung einer Bildquelle vorstellen.

In der Einordnung werden die historischen Hintergründe erklärt, die wichtig sind, um das Motiv, die eingenommene Perspektive und die Botschaft der Quelle zu erklären.

In ihr würde ich jetzt diesen Blogeintrag kurz erläutern, das Vorwissen der Lesenden einschätzen, eventuell einen kurzen Exkurs zu den Beschränkungen von KI-“Kunst“ und ihrer Bedeutung heutzutage machen, die aktuelle Situation der historisch-methodischen Bildung in der Bevölkerung einschätzen, natürlich nur, wenn ich dazu zuverlässige Quellen finde, und allgemein die Zusammenhänge der Quelle erläutern.

Zuletzt findet die Beurteilung der Quelle statt. Dafür ist es wichtig, eine konkrete Frage an die Quelle zu richten. Beispielsweise: „Kann „Lemmy und Kant“ das, was Torben mit dem Bild erreichen wollte, überhaupt erreichen und wenn ja tut es das?“ oder „Ist „Lemmy und Kant“ ein Musterbeispiel für eine problematische Verwendung von KI in historischen Texten?“.

Wer an dieser Stelle noch nicht ausgestiegen ist, wird sicher bemerken, dass eine gründliche Quellenanalyse genau den Zweck hat, das Schubladendenken in der Beschäftigung mit historischen Quellen so weit wie nur möglich einzuschränken. Ganz ausschalten lässt es sich niemals, dafür ist es zu fest in unserem Denken verankert, zumal auch in eine Quellenanalyse eigene Gedanken einfließen, doch kann man ihren seinen Einfluss zumindest so weit verringert, wie es uns Menschen eben möglich ist.

Nach langem Einstieg fällt die eigentliche Erkenntnis doch recht kurz und beinahe banal aus: wenn man nicht ordentlich arbeitet, kommt man zu falschen Ergebnissen.

Es wäre schön, wenn das so einfach wäre, wie es klingt, wenn alle sich daran halten würden. Denn auch, wenn es nicht so gründlich ausformuliert sein mag, die Arbeit mit Quellen ist nicht nur für Historiker und Historikerinnen wichtig. Selbst so scheinbar von der Quellenkunde unberührte Wissenschaften wie die Biologie müssen darauf achten, ob ein Artikel beispielsweise in einem Raubmagazin erschienen ist und gegebenenfalls die Ergebnisse einer Studie mit ihrer Methodik überhaupt bewiesen werden können. Aber auch außerhalb der Wissenschaft, im Journalismus oder der Politik beispielsweise, oder sogar in unserem Alltag ist der kritische Blick auf die Dinge endlos wichtig. Schön, dass dieser Flyer behauptet, eine günstigere Solaranlage für mein Dach gäbe es nicht. Aber es ist ja ein Flyer einer Firma mit schlechtem Ruf von diesem Jahr, in dem die Firma am Rande der Pleite ist, der mir vermitteln will, dass deren Solaranlagen die billigsten seien. In meiner Beurteilung sehe ich, dass die Firma schon öfter rechnerische Tricks eingesetzt hat, um Verbraucher zu täuschen wie z.B. den Wandler extra zu verkaufen. Ich stelle mir also die Frage an die Quelle, ob das nicht alles Unsinn ist.

In diesem Sinne, bleibt kritisch, hinterfragt alles und wenn etwas nicht mit euren Schubladen zusammen passt, überprüft auch einmal die Schubladen. Da kann man spannende Dinge finden.

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