Danger Dan, Igor Levit und die Kunstfreiheit

Es gibt jetzt zwei Optionen, beide machen Stress
Eine ab morgen schon, die andere ab jetzt
Wir können darauf warten, dass sie in den Parlamenten
Und auf der Straße erstarken, bevor wir sie bekämpfen
Und wir warten, warten, warten, das ist erstmal bequemer
Es geht uns trotzdem an den Kragen, nur halt etwas später
Die andere Möglichkeit bedeutete schon heute
Stress mit der Polizei und den ganz besonders Deutschen
Dafür `ne kleine Chance, das Blatt nochmal zu wenden
Oder vielleicht das Schlimmste noch verhindern zu können
Du weißt nicht, was du tun kannst, du weißt nicht, wie das geht
Hör mir zu, ich hab´ vielleicht eine passende Idee.

Refrain

Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst
Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst



Ruf‘ erst mal ein, zwei Leute an, denen du vertraust
Auf die man sich verlassen kann und macht ein Treffen aus
Ihr gründet eine Gruppe, die keinen Namen hat
Kein Gründungsdatum und auch kein Verein oder so’n Quatsch
Redet mit Bars und Kneipen, fragt ob die für ‚nen Abend
Räumlichkeiten für ’ne Party gegen Nazis haben
Ladet eure Freunde ein, ein kleines Festival
DIY, Eintritt frei, sammelt auf Spendenbasis Geld
Mit dem Geld, das ihr verdient, kauft ihr Dosen um zu sprüh’n
Kauft ihr Aufkleber und Marker, sorgt dafür dass jeder sieht
Ihr habt keinen Bock auf Faschos und das hier ist eure Stadt
Lasst euch nicht erwischen, schaut nach Überwachungskameras
Nie ohne Handschuh, nie ’nen Fingerabdruck hinterlassen
Und erst recht nie filmen und niemals ein Foto davon machen
Von Aktionen nur denen, die selbst dabei waren, erzähl’n
Es geht um linke Straßenpolitik und nicht um Fame
Ihr braucht Regeln für die Kommunikation
Nicht nur Nazis und Konsorten, die in eurer Gegend woh’n
Auch die Sicherheitsbehörden werden sich schnell interessier’n
Ihr dürft von Anfang an alles nur geheim kommunizier’n
Das bedeutet: keine DMs, keine Messenger und Mails
Alles was verboten sein könnte immer Face to Face
Lasst das Handy zuhaus wegen Bewegungsprofil’n
Und wenn sie euch erwischen: Redet nicht mit ihn‘

Refrain



Man wird sich wundern, wenn man weiß, dass in den Kern‘
dieser Gruppen meistens nur ein paar wenige gehör’n
Eine Handvoll Leute reichen meistens aus
Eigene lokale Antifastrukturen aufzubau’n
Als Nächstes müsst ihr die rechten Strukturen recherchier’n
Heimlich ihre Treffen und Demonstrationen fotografier’n
Findet raus, wer sie sind, was sie tun, wo sie leben, wo sie arbeiten
Und findet raus, mit wem Sie sich umgeben
Baut Fake-Accounts bei TikTok und bei Telegram
Dokumentiert alles, was Sie schreiben, alles was Sie sagen
Holt den Papiermüll ab, lauft Ihnen nach
Zu Ihren Häusern, ihren Wohnungen, den Treffpunkten und Bars
Meldet euch bei jeder Singlebörse an
Irgendwie und irgendwann, kommt man an jeden Nazi ran
Werdet dreist, delinquent, akribisch und kreativ
Stück für Stück füttert ihr so euer Antifaarchiv
Faschos leben abgeschottet, sie leben im Wahn
Mit Argumenten kommt man meistens nicht mehr an sie ran
Die Erfahrung zeigt, dass aber trotzdem doch etwas passiert
Wenn man ihr gesamtes Umfeld kontaktiert
Früher nannte man so etwas „Outingaktion“
Es hing’n Flyer und Plakate in den Vierteln, wo sie woh’n
Mit Fotos und Funktionen, mit Namen und Adressen
Niemand wird ein Nazischwein als seinen Nachbarn möchten
Das frankierte man mit ein paar Telefonaten
Um ihre Schulen, Unis, Arbeitgeber zu beraten
Man wünschte einen guten Tag und fragte dann wie
Passt so etwas in eure Firmenphilosophie
Helft euren Lokalzeitungen mit Information‘
Wenn sie nicht schon von selbst dahinter komm‘
Dass es Probleme gibt mit Nazis in der Stadt
Vielleicht wird dann sogar die Staatsanwaltschaft wach
Mit etwas Glück kriegen sie Post oder gehen in den Knast
Doch hier wärt blöd wenn ihr euch auf den deutschen Staat verlasst
Die Erfahrung zeigt genau das Gegenteil:
Es gibt so viele Faschos bei der Polizei.

Refrain

Man möchte mein‘ dass die Sicherheitsbehörden
Rechte Strukturn‘ nicht bekämpfen, sondern fördern
So mancher Polizist steht für die AfD zur Wahl
Uniter hat die Munition vom KSK
Das bedeutet: Parallel zum recherchiern‘
Müsst ihr eure Sicherheit selbst organisier´n
Nazis machen ihre Politik immer mit Angst
Mit Hass, mit Terror und roher Militanz
Man kann ihnen vieles vorwerfen
Aber jedoch nicht, dass man das, was sie mit uns vorhaben, nicht wüsst‘
Und die Geschichte hat uns schonmal gezeigt
Es wird noch schlimmer wenn man gar nichts tut und schweigt
Keine Angst, nehmt es selber in die Hand
Die seh’n gefährlich aus, aber wir legen sie lang
Koordiniert euch, fangt an zu trainier’n
Wenn ihr zusammen kämpft, dann kann es funktionier’n
Schon am ersten Tag, wenn ihr die Party macht
Besteht die Möglichkeit, dass es vor der Türe kracht
Also plant immer mit der Konfrontation
Habt Überraschungen dabei, wenn sie komm‘
Juristisch ist mal wieder die Grauzone geschrappt
Ich lasse ihn jetzt einfach mal im Raum den Elefant
Ist eh klar was zu tun ist, ich sag nichts mehr dazu

Liebe Grüße an Lina, Gucci, Maja und Nanuk.

Refrain

Eigentlich machen wir ja größtenteils Geschichte, aber heute soll es mal ein wenig politischer werden. Ich will über die Kontroverse um Danger Dan und Igor Levit und seine Ausladung aus der ZDF-Satiresendung „Die Anstalt“ schreiben. Dabei will ich natürlich auch meine eigene Meinung darlegen, eigentlich geht es mir aber einmal wieder um die großen Fragen, Fragen nach Freiheit und Zensur und nach öffentlicher Wahrnehmung.

Was also ist eigentlich passiert?

Neulich habe ich ein wenig träge bei der Tagesschau herum geklickt und mir fiel ein Artikel auf. „Danger Dan und Igor Levit: Ärger um abgesagten ZDF-Auftritt“. Der ÖRR ist ja in letzter Zeit gelegentlich einmal blöd aufgefallen, beispielsweise mit der Reportage „Bürgergeld statt Arbeiten“ oder dem Tagesschaubeitrag vom 26.3. über Chatkontrolle. Die Sache ist aber die: solche Beiträge würden bei nicht öffentlichen Sendern nicht im geringsten auffallen. Im ÖRR fallen sie deshalb auf, weil diese Sender ansonsten verhältnismäßig neutral und nah an den Fakten berichtet. Es ist deutlich zu erkennen, dass man sich – zum Guten wie zum Schlechten – bemüht, alle Seiten aller Themen darzustellen. Darum fallen solche Beiträge überhaupt auf und darum fällt auch eine Ausladung von Danger Dan und Igor Levit aus einer ZDF-Sendung auf.

Für diejenigen unter uns, die noch nie auf einer Demo gegen Rechts waren oder sich für diese Art Musik nicht interessieren: wer ist Danger Dan eigentlich?

Kurz gesagt: ein politischer Musiker, Mitglied der Hip-Hop Formation „Antilopen Gang“ und auch als Solokünstler aktiv. Sein bisher bekanntestes Lied, das auch auf Gegen-Rechts-Demos immer wieder gespielt wird, ist „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“, in dem es unter anderem um die Befürwortung von Militanz gegen Faschisten, das Misstrauen in Polizei und Behörden und zentral um die Kunstfreiheit geht.

In dem Beitrag auf Tagesschau.de ging es darum, dass Danger Dan, dessen bürgerlicher Name Daniel Pongratz lautet, und Igor Levit mit einem neuen Lied in der Sendung „die Anstalt“ auftreten sollten, vom ZDF aber wieder ausgeladen worden seien. Zur Begründung war das Presseportal des ZDF verlinkt und darin liest man: „Das Lied von Danger Dan setzt sich mit Widerstand gegen Rechtsextremismus auseinander. Der Text des Liedes kann allerdings als Aufruf zu Gewalt verstanden werden. Ein solcher Aufruf stünde im klaren Widerspruch zu den Programmrichtlinien des ZDF.

Genau genommen liest man da noch viel, viel mehr. Die Überschriften alleine lauten:

Maike Kühl und Max Uthoff im „ZDF-Morgenmagazin“ am 30. Juli 2026

Statement der ZDF-Fernsehratsvorsitzenden Gerda Hasselfeldt vom 20. Juli 2026

Die aktuelle Folge von „Die Anstalt“ und „aspekte – Was darf man wo noch singen“ im ZDF-Streamingportal

Statement vom 17. Juli 2026

Statement vom 16. Juli 2026

Warum wurde Danger Dan ausgeladen?

Wie kam das ZDF zu der Entscheidung?

Zensiert das ZDF Danger Dan?

„heute Jornal“ vom 17. Juli 2026 zur Debatte nach Danger-Dan-Ausladung

ZDFheute: Warum das ZDF keinen Gewaltaufruf sendet

 

Ich will gar nicht auf jeden einzelnen Punkt eingehen. Aber schon an der Anzahl der Punkte sieht man, dass da noch deutlich mehr zu lesen und anzusehen wäre. Was aber in der öffentlichen Debatte passiert, ist, dass außerhalb einiger weniger ordentlich arbeitender content creators (ich mag kein Denglisch…) eigentlich nur die Aussage „Das Lied ist ein Aufruf zur Gewalt! Das geht im ZDF nicht!“ besprochen wird.

Das ist aber bei weitem nicht die ganze Aussage. Eine sehr wichtige Begründung des ZDF ist nämlich auch, dass nach dem siebenminütigen Auftritt nicht genügend Einordnung geleistet werden könne. Die Programmrichtlinien des ZDF sagen in Punkt III.8.:

Darstellung von kriminellen Handlungen, Sucht oder Gewalt darf nicht

vorbildlich wirken oder zur Nachahmung anregen.“

Da steht nicht, dass keine Gewaltaufrufe gezeigt werden dürfen, da steht, dass diese in ihrer Gesamtdarstellung nicht vorbildlich wirken oder zur Nachahmung anregen dürfen. Ein feiner aber sehr wichtiger Unterschied. Man könnte einen Gewaltaufruf komplett senden und es hinterher einordnen. Überhaupt kein Problem. Warum also nicht bei diesem Lied? Und ganz nebenbei: ist das überhaupt ein Gewaltaufruf?

Ja klar. „ Die seh’n gefährlich aus, aber wir legen sie lang“ Man soll also Faschos boxen, wie es andere deutlicher ausdrücken. Oder „Habt Überraschungen dabei, wenn sie komm’“. Man soll also ein Messer dabei haben, ganz eindeutig. Und die Spitze: „Ist eh klar was zu tun ist, ich sag nichts mehr dazu

Liebe Grüße an Lina, Gucci, Maja und Nanuk.“

Alle vier Gegrüßten haben Gewaltstraftaten begangen. Ist doch völlig eindeutig, was gemeint ist!

Tja, das klingt alles auf den allerersten Blick so schön klar und hat nicht Danger Dan schon in der Kunstfreiheit davon gesungen, Götz Kubitschek mit Pfeil und Bogen zu erschießen? Wenn Youtube Kanäle, denen ich hier keine Plattform bieten will und die deshalb ungenannt bleiben, in ihren Thumbnails und Titeln „Unfassbarer linker Gewaltaufruf“ oder „Unfassbar: Aufruf zum Bürgerkr*eg“ schrieben und in ihren Videos auch entsprechend, gerne vor einer Schwarz Rot Goldenen Fahne (zur Ironie dessen schaut einmal in den passenden Blogeintrag), endlos aufgeblasene, pseudojuristische Worthülsen ins Mikrofon defäkieren, dann scheint das alles schon eindeutig und gerichtsfest.

Glücklicherweise haben wir die Kunstfreiheit. Das Thema ist sehr, sehr kompliziert, wie alles, was mit der Juristerei zu tun hat, man kann es aber auf eine einfache Formel herunterbrechen: Wenn ein Künstler in seiner Kunst eine Aussage tätigt, die man legal oder illegal verstehen kann, dann soll immer die legale Auslegung angenommen werden.

Am konkreten Thema gedacht öffnet das einen Kanal, der Danger Dans Text legal macht. „Die seh’n gefährlich aus, aber wir legen sie lang“ bedeutet plötzlich nur „wir können, falls sie uns angreifen sollten, gewinnen“, was ganz nebenbei auch aus dem Zusammenhang her gemeint sein dürfte. Die Überraschungen müssen ja keine Waffen sein, das könnten auch Eimer mit Eiswasser, Videokameras mit Livestream ins Internet oder vorher alarmierte Polizisten sein. Und ein Gruß könnte auch einfach nur ein Gruß sein. Immerhin ist Lina E. Im Mai bereits auf Bewährung aus der Haft entlassen worden, weil sie sich von ihrer Gewaltbereitschaft losgesagt hat, sie zu grüßen könnte man sogar als Aufruf gegen Gewalt verstehen. Dass sie weiterhin nicht gegen ihre Freunde aussagt, wurde Helmut Kohl auch verziehen, warum also ihr nicht?

Es gibt also zwei mögliche Interpretationen und unsere Kunstfreiheit sagt „nimm die weniger böse, falls es vor Gericht geht“.

Wir sind aber nicht vor Gericht. Wir reden über eine Programmentscheidung. Danger Dan ist nicht wegen Aufrufen zu Straftaten angeklagt, er wurde aus einer Sendung ausgeladen.

Die Verantwortlichen sehen in Dans Text einen Gewaltaufruf und ich verstehe, weshalb man das so sehen kann, ganz unabhängig davon, ob es tatsächlich so gemeint ist, oder nicht. Sie argumentieren, dieser Gewaltaufruf hätte in der Sendung nicht ordentlich eingeordnet werden können. Ob das stimmt, wage ich zu bezweifeln, gerade das Team der Anstalt hat ein gewisses Talent dafür, kurze und knappe Einordnungen punktgenau zu setzen und zur maximalen Wirkung zu bringen. Aber ob das stimmt oder nicht, das ist gar nicht der Punkt. Wichtig ist, dass die Verantwortlichen glauben, dass es stimmt denn letztendlich sind auch sie nur Menschen, die Fehler begehen können.

Dennoch fällt auf, dass diese Fehler vor allem dann begangen werden, wenn mal jemand Klartext spricht. Wenn ein Politiker im Sommerinterview von einer gefährdeten freien Meinungsäußerung spricht, muss man nur einmal in irgendeine Bundestagsdebatte schalten – die werden ja live gestreamt – und genau auf die Zwischenrufe hören. Wiederum, ich will keine Plattform bieten, aber es lässt sich ja leicht finden: Mitglieder dieser Partei gehen offen mit ihren Ordnungsrufen hausieren und freuen sich öffentlich darüber, dass sie wegen Beleidigungen und Bedrohungen angeklagt werden. Aber der Politiker sagt eben nicht „Jemanden eine linke Sau, die eine tolle Wurst sein wird, wenn wir an der Macht sind, zu nennen ist völlig in Ordnung und ich unterstütze das.“ (kein genaues Zitat, das ist sogar noch schlimmer) sondern er beklagt sich über „gefährdete Freiheit der Meinungsäußerung“ oder Meldestellen. Er verschleiert, was er meint, drückt es möglichst uneindeutig aus und wird darum erst lange später in wenig beachteten Faktenchecks eingeordnet. Der Witz ist: auch hier findet in der Sendung selbst keine ordentliche Einordnung statt. Gesendet wird trotzdem weil der Politiker nicht Klartext spricht. Pongratz und Levit aber sprechen Klartext und sie werden dafür abgestraft. Und schlimmer noch: Politiker, die auf einer Bühne laut „wir werden sie jagen“, ein unmissverständlicher Aufruf zur Gewalt ohne Interpretationsspielraum, riefen, wurden danach auch noch in Sendungen eingeladen, in Livesendungen, in denen gar nichts eingeordnet wurde. Danger Dans Inhalte waren vorher bekannt, jeder Person beim ZDF war klar, wen man sich da einlädt und was man zu erwarten hat. Genau wie wenn man blaue Politiker einlädt (womit ich mal nicht einen norddeutschen FDPler meine).

Ist die Ausladung von Danger Dan und Igor Levit also Zensur? Ist das ZDF befangen und auf dem rechten Auge blind?

Ich glaube nicht. Ich glaube, die Verantwortlichen haben zu viel Angst, wie ironisch, sie fürchten die Reaktion der Menschen. Sie haben Angst, dass eine Partei regieren könnte, die ihre Freiheiten einschränkt, wenn sie Pongratz und Levit eine Bühne bieten, die ihnen dann das Geld kürzt. Sie fürchten Kommentare in den sozialen Medien, Politiker, die ihren Anhängern etwas von Bürgerkriegsaufrufen erzählen, sie fürchten Konsequenzen.

Aber warum? Ein starker ÖRR, hinter dem alle demokratischen Parteien stehen, bräuchte doch vor nichts Angst zu haben.

Leider leben wir in einer Zeit, in der das größte deutsche Demokratieförderprogramm unter Beschuss steht (schon unter Olaf Scholz übrigens) und offen als „zu links“ bezeichnet wird. Die Botschaft ist „wer zu links ist, verliert Geld“. Sinnvolle Reformen des ÖRR könnten Stellenabbau bedeuten und zugleich hat die CDU in ihrem „Beschluss des Bundesvorstandes der Deutschlands“ (ja, sie haben wirklich das „CDU“ auf ihrem Titelblatt vergessen) vom 12./13.1.24 bereits moniert: Die von funk-Formaten genutzte emotionalisierte Gestaltungsweise des „new journalism“, die den Moderator eines Formats in den Mittelpunkt stellt und seine Wertungen und Meinungen zum Ausgangspunkt einer Erzählung macht, führt zu Subjektivität und politischer Einseitigkeit und kostet dauerhaft die Akzeptanz des gesamten öffentlich-rechtlichen Rundfunks.“

Natürlich wird auch – wie so oft inhaltlich falsch, vielleicht sollte ich dazu mal einen Eintrag schreiben – kurz darauf der Beutelsbacher Konsens bemüht, die Unfähigkeit diesen zu verstehen und ihn auch nur dort anzuwenden, wofür er gedacht ist, ist aber kein Merkmal der CDU, sondern in allen Parteien verbreitet.

Solche Aussagen werden im ÖRR sehr genau gelesen. Wieder die Botschaft „ihr seid politisch nicht da, wo wir euch wollen“. Diese Botschaft kommt zur Zeit immer und immer wieder, sei es in Bezug auf Förderprogramme, auf Medien, auf Schulen, überall. Karin Prien sagte im taz-Interview: „Es ist der Eindruck entstanden, dass das Programm [Demokratie leben] eine Ausrichtung hat, die eher in das linksliberale Milieu hineinreicht. Ich will das Programm aber breit in der Mitte der Gesellschaft aufstellen.“Bundeskanzler Merz sagte deutlich: „Links ist vorbei! Es gibt keine linke Mehrheit und keine linke Politik mehr in Deutschland!“. Was dieses mysteriöse „links“ eigentlich bedeutet, haben weder er noch Frau Prien je definiert oder sonst irgendwie erklärt. Diese und ähnliche Aussagen haben für Unruhe unter Akteuren der politischen Bildung gesorgt, ganz besonders bei jenen, die sich klar in der politischen Mitte positionieren. Wer, wie es in der Kultur und der außerschulischen Bildung üblich ist, in seiner Arbeit auf Förderung angewiesen ist, wusste an diesem Punkt genau, wo die Reise hin gehen würde. Und die Verantwortlichen des ZDF wissen das auch, sehr genau sogar.

Dieses Klima der Sorge ist es, das zur Ausladung von Pongratz und Levit geführt hat, daran habe ich keinerlei Zweifel. Progressive Positionierungen werden kritischer und mit mehr Sorgen betrachtet, ganz gleich, ob zudem auch konservative Positionierungen stattfinden. Dieter Nuhr darf sagen, ein Mittel gegen Femizide sei, dass Frauen ihre Sexualpartner erst einmal kennen lernen, bevor sie mit ihnen ins Bett steigen. Danger Dan darf nicht sagen, dass man sich als linker Aktivist nicht auf die Polizei verlassen kann. Denn Dieter Nuhr ist zeitgleich ein äußerst konservativer Meinungsmacher, Danger Dan steht auf der anderen Seite, auf einer, deren Vertreter aktuell nicht an der Macht sind, deren Positionen von den höchsten Stellen in unserem Staat aggressiv und öffentlich abgelehnt werden. „Links ist vorbei!“

Handelt es sich also bei der Ausladung von Pongratz und Levit um Zensur? Ja und nein.

Grundsätzlich ist Zensur etwas, das ein Amt tut. Das digitale Wörterbuch der deutschen Sprache definiert Zensur als: „amtliche, meist staatliche Kontrolle, Überprüfung von Druckwerken, Bühnenwerken vor ihrer Veröffentlichung, Aufführung und von Briefen“. Man kann sich also an sich nicht selbst zensieren, von der Wortbedeutung her kann das ZDF das gar nicht denn hier hat immerhin eine Stelle des ZDF einer anderen Stelle des ZDF in die Planung eingegriffen.

Aber auch im weiteren Sinn kann man kaum von Zensur sprechen. Kein Politiker hat – soweit bekannt ist – beim ZDF eine Ausladung verlangt, keine Behörde hat Einspruch gegen den Auftritt erhoben. Niemand verbietet dem Duo die Verbreitung ihres Liedes, niemand erhebt Anklage. Danger Dan und Igor Levit können mit „keine Angst“ überall auftreten, wo sie erwünscht sind, ganz genau, wie es auch ein bekannter schaumkussliebender Schlagersänger aus dem rechtsextremen Milieu darf. Beide dürfen aber nicht in der Anstalt auftreten.

Wenn man das Wort aber sehr weit, quasi volkssprachlich, fasst, dann ist der Zensurvorwurf gar nicht mehr so abwegig. Eine übergeordnete Stelle, hier die Hauptredaktion Show des ZDF hat einer untergeordneten Stelle, der Redaktion der Anstalt, in ihr Programm eingegriffen, hat eine Kontrolle ausgeübt, ein Bühnenwerk vor seiner Veröffentlichung überprüft und es ihrem eigenen Gutdünken nach geändert.

Tja und jetzt? Was sehen wir in dieser Sache einmal wieder? Schauen wir uns die Akteure einmal an, den öffentlichen Diskurs, die Hauptredaktion Show, die Anstalt und Danger Dan und Igor Levit.

Der öffentliche Diskurs zeigt wieder einmal, dass er nur auf Schlagworten beruht. Auf der einen Seite wird vom Aufruf zum Bürgerkrieg geredet, auf der anderen Seite von Zensur, eine Analyse und nüchterne Betrachtung findet nur selten statt. Einmal wieder versuchen rechtsextreme Akteure, sich als die armen Opfer darzustellen, die Bedrohten und armen Verfolgten zu mimen. Die Zahlen des BKA machen deutlich, dass der alte Spruch stimmt: „Linke zünden Autos an, Rechte zünden Menschen an.“ Massive Anstiege in der politisch motivierten Kriminalität zeigen sich im linken Spektrum in den Taten im Umfeld von Wahlen wie abgerissenen Wahlplakaten, im Rechten in Gewalttaten vor allem gegen queere Menschen. Dennoch ist das Heulen und Zähneklappern in der Besprechung des Textes von „Keine Angst“ riesig. Der zynischste Fall, der mir unter gekommen ist, war der eines rechten Streamers, der von Gewaltaufrufen und Bedrohungen redete während im Hintergrund ein Rechtsrocklied lief, in dem es um das Aufhängen von „Zecken“ ging.

Die andere Seite redet über Zensur, über Unterdrückung und Hass. Mit wenigen Ausnahmen, der Youtuber Staiy, den man mit Recht „links außen“ nennen kann, beispielsweise sei genannt, bleibt eine kritische Analyse der hinter der Ausladung liegenden Strukturen und Probleme aus.

Der öffentliche Diskurs funktioniert nicht gut, wieder einmal.

Was ist mit den Redaktionen?

Die Anstalt hat das Problem meiner Meinung nach genau richtig angegangen. In der Folge stand das Klavier stumm vor sich hin, die Kamera war darauf gerichtet, es war ruhig im Saal. Dann traten die Moderatoren auf die Bühne und erklärten den Vorfall, legten ihre Sicht dar und ordneten die Sache ein. Genau das, wovon man anscheinend ausging, sie seien dazu nicht in der Lage.

Die verschiedenen übergeordneten Stellen des ZDF haben im Grunde keine groben Fehler begangen, auch sie gehen mit dem Vorgang ziemlich transparent um, sie arbeiten aber leider in der Logik des linearen Fernsehens. Es gibt ein Presseportal mit den Stellungnahmen, der Fall wird in Aspekte eingeordnet, im Heute Journal wird er besprochen, die Moderatoren äußern sich im Morgenmagazin… davon hätte ich zumindest nichts mitbekommen. Ich schaue kein lineares Fernsehen. Ich schaue Sendungen, die mich interessieren, direkt in den Mediatheken. Mal hier eine Folge Extra 3, mal dort eine Runde Puls Reportage, vielleicht auch mal eine Folge „der Schwarm“, ich schalte aber nicht den Fernseher ein und lasse mich den Abend über berieseln. Ich kriege nicht mit, was in Aspekte passiert, weil ich dann etwas anderes vorhabe und zu viele andere Sendungen, die ich schon verfolge (auch wenn ich Aspekte gerne mag, der Tag hat nur 24 Stunden). Einen guten Teil der Einordnung kriege ich nur dann mit, wenn ich gezielt danach suche.

Und dann ist da noch der Zeitpunkt. Kurz vor der Sendung, die Künstler sind schon vor Ort, wird abgesagt. Das ist einfach zu spät, viel zu spät. Im ÖRR werden Sendungen nicht Montag geplant, Dienstag gedreht und Mittwoch gesendet. Schon viel, viel früher war klar, dass Pongratz und Levit eingeladen werden sollten, dass es sich um deutlich linke, provokante Künstler handelt, dass Danger Dans Texte gerne mal die Grenze des Legalen ankratzen. Man hätte lange vorher die Anstalt bremsen können. Das Ganze in letzter Minute zu machen, ist entweder Absicht oder ein massiver, handwerklicher Fehler.

Die Entscheidung an sich war meiner Meinung nach eindeutig falsch. Sie zeugte von einem Mangel an Vertrauen in das Team der Anstalt, von Angst, wie ironisch, vor der Politik und der öffentlichen Meinung. Gleichzeitig wäre die gegenteilige Entscheidung aber auch eindeutig falsch, da diese Angst vor der politischen Reaktion nicht unbegründet ist, sondern ganz im Gegenteil höchst berechtigt. Ein solcher Text hätte wieder für Reaktionen gesorgt, Bundespolitiker hätten sich geäußert, die Stellung des ÖRR sowohl in der Politik als auch in der (konservativen) Öffentlichkeit wäre angegriffen worden. Das ZDF konnte in dieser Situation nicht richtig entscheiden. Es hätte viel, viel früher entscheiden müssen, es hätte besser kommuniziert werden müssen, eine „gute“ oder „richtige“ Entscheidungsmöglichkeit gab es aber nicht.

Schauen wir einmal auf Danger Dan und Igor Levit.

Sie befeuerten die Diskussion. Ganz absichtlich und bewusst. Der Zensurvorwurf kam auch von den beiden. Sie reden öffentlich über den Vorfall, nur nicht mit dem ZDF. Und was ist das Ergebnis?

Platz 7 in den Single-Charts bei Veröffentlichung, eine Woche lang auf Platz 1, 1,5 Millionen Aufrufe des offiziellen Videos auf Youtube.

Ich will da gar keine Gewinnsucht unterstellen, Danger Dan scheint mir Überzeugungstäter zu sein, aber auch insofern ist alles perfekt gelaufen. „Keine Angst“ hat massive Aufmerksamkeit erlangt, alle, die mehr als die Überschriften und Kommentarspalten lesen, kennen den Text. Jeder, der Widerstand leisten will, hat jetzt eine Anleitung, ganz egal, was man davon hält.

Ich hätte durchaus Lust, den Text noch einmal ganz auseinander zu nehmen, dieser Beitrag ist aber eigentlich jetzt schon zu lang. Verbleiben wir also mit der wichtigen Aussage dieses Beitrages:

Ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk muss frei sein. Frei von Finanzierungssorgen, frei von politischer Einflussnahme. Nur dann kann er ausgewogen und neutral berichten. Er darf sich nicht von der Sorge vor Finanzierungsstopps oder öffentlichen Aufregern treiben lassen, sondern er muss versuchen, alle Seiten abzudecken. Es spricht an sich nichts dagegen, einen Danger Dan dort ebenso auftreten zu lassen, wie einen Dieter Nuhr und dann kommt dieser vielzitierte Qualitätsjournalismus ins Spiel, dann müssen Sprüche über Frauen, die ermordet werden, weil sie mit Fremden ins Bett gehen und Liedtexte über Sachbeschädigung und Doxing noch in der betreffenden Sendung eingeordnet, besprochen und aufgefangen werden. Das würde ich mir wünschen, der Pessimist in mir schüttelt aber bereits betroffen den Kopf.

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